Die Linke zwischen Abgrenzung zu Islamismus und problematischen Bündnissen
Vorab: Selbstverständlich ist Die Linke keine islamistische Partei, aber Teile der Partei bewegen sich in einer äußerst problematischen Grauzone. Wer also behauptet, Die Linke sei insgesamt eine islamistische Partei, würde die Fakten überdehnen. Die Bundespartei bezeichnet Hamas ausdrücklich als islamistische Terrororganisation, verurteilt ihren Terror und lehnt ihre antisemitische Ideologie ab. Bereits im Oktober 2023 erklärte der damalige Parteivorsitzende Martin Schirdewan, Hamas und Hisbollah seien keine Befreiungsbewegungen, sondern islamistische Terrororganisationen, deren Ziel die Vernichtung Israels und die Auslöschung jüdischen Lebens sei. Die Linke – Erklärung nach dem 7. Oktober 2023
Auch heute ist die offizielle Linie der Partei eindeutig: In einem Beschluss vom April 2026 bezeichnet Die Linke Hamas als „antisemitisch geprägte, islamistische Terror-Organisation“ und lehnt ihren bewaffneten Kampf, ihr Ziel der Zerstörung Israels sowie ihre Herrschaft in Gaza ab. Diese Haltung wurde auf dem Bundesparteitag im Juni 2026 erneut bestätigt. Stattdessen will Die Linke gewaltfreie, linke, feministische und zivilgesellschaftliche Kräfte in Israel und Palästina unterstützen.
Doch damit ist die Geschichte nicht beendet. Denn eine Partei besteht nicht nur aus Bundesparteitagsbeschlüssen. Sie besteht aus Landesverbänden, Kreisverbänden, Abgeordneten, Jugendorganisationen, Aktivisten und politischen Bündnissen.
Und genau dort beginnt die wesentlich interessantere Frage:
Wie groß ist die Distanz zwischen der offiziellen Abgrenzung der Linken gegenüber Islamismus und dem politischen Umfeld, in dem sich Teile der Partei bewegen?
Verfassungsschutz: Verbindungen zwischen radikaler Linker und palästinensischem Extremismus
Der Verfassungsschutz beschreibt seit Jahren konkrete Vernetzungen zwischen Teilen der radikalen Linken und palästinensisch-extremistischen Milieus.
Im Verfassungsschutzbericht 2024 heißt es, Antiimperialismus und Israelfeindschaft seien verbindende Elemente zwischen dogmatischen Linksextremisten und Organisationen beziehungsweise Einzelpersonen aus dem säkularen palästinensischen Extremismus.
Diese Verbindungen äußerten sich unter anderem in gemeinsamer Organisation und Mobilisierung, gegenseitiger Teilnahme an Demonstrationen und gegenseitigen Solidaritätsbekundungen. Teilweise hätten dogmatische Linksextremisten sogar Einfluss auf propalästinensische Gruppierungen ausgeübt. Bundesamt für Verfassungsschutz – Verfassungsschutzbericht 2024
Das ist allerdings etwas anderes als Islamismus. Denn wichtige Akteure des palästinensischen Extremismus, mit denen sich Teile der radikalen Linken verbinden, sind nicht islamistisch, sondern beispielsweise säkular-marxistisch geprägt.
Das prominenteste Beispiel ist die PFLP.
Gerade diese Unterscheidung ist wichtig: Wer jede Kooperation mit einem palästinensischen Extremisten automatisch als „Islamismus“ bezeichnet, macht es sich zu einfach.
Aber die andere Schlussfolgerung wäre genauso falsch:
Nur weil ein extremistischer Akteur nicht islamistisch ist, ist eine Zusammenarbeit mit ihm automatisch unproblematisch.
Antiimperialismus, Antizionismus und Israelfeindschaft als politische Schnittstelle
Was verbindet diese unterschiedlichen politischen Milieus? Häufig ist es ein gemeinsames Feindbild.
Der Verfassungsschutz nennt ausdrücklich Antiimperialismus und Israelfeindschaft als verbindende Elemente.
Der radikale Linke sieht Israel als koloniales oder imperialistisches Projekt.
Der Islamist sieht Israel als jüdischen Feindstaat.
Die Ideologien sind nicht identisch. Aber die politische Sprache kann sich überschneiden und genau hier entsteht die Grauzone.
Aus legitimer Kritik an der israelischen Regierung kann radikaler Antizionismus werden. Aus Antizionismus kann Israelfeindschaft werden.
Und aus Israelfeindschaft kann – wenn das Existenzrecht Israels negiert, antisemitische Narrative übernommen oder Terror als „Widerstand“ gerechtfertigt wird – israelbezogener Antisemitismus werden.
Die Bundeszentrale für politische Bildung weist ausdrücklich auf diese Unterschiede hin. Bundeszentrale für politische Bildung – israelbezogener Antisemitismus
Die Linke und das Existenzrecht Israels: Die offizielle rote Linie
Interessant ist deshalb, dass die Bundespartei diese Gefahr selbst erkannt hat.
Bereits im Mai 2025 erklärte der Parteivorstand ausdrücklich:
„Das Existenzrecht des Staates Israel ist für uns nicht verhandelbar.“
Die Partei distanzierte sich von Aufrufen, Statements oder Darstellungen, die unter dem Deckmantel der Palästina-Solidarität die Existenz Israels negieren oder seine Auslöschung propagieren. Gleichzeitig verurteilte sie den Terrorismus der Hamas ebenso wie völkerrechtswidrige Kriegshandlungen Israels. Die Linke – „Das Existenzrecht des Staates Israel ist für uns nicht verhandelbar“
Auch die Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken mussten im März 2026 eine innerparteiliche Debatte über die Parole „Nein zum Zionismus“ einordnen.
Ihre Erklärung ist bemerkenswert: Sie räumten ein, dass die Parole von manchen als Chiffre für ein „Nein zum Existenzrecht Israels“ benutzt werde. Gleichzeitig könne Antizionismus auch lediglich als Kritik an der heutigen israelischen Regierung verstanden werden.
Die Grenze sei aber klar: Über den Zionismus könne gestritten werden, das Existenzrecht Israels stehe nicht zur Disposition. Die Linke – „Debatte um Nahost verlangt besondere Verantwortung“
Damit ist die offizielle Position eigentlich ziemlich eindeutig.
Aber wird diese rote Linie auch überall in der Partei eingehalten?
Linke Neukölln und die Palästina-Debatte: Wenn die Praxis problematisch wird
Ein aktueller Vorgang in Berlin-Neukölln macht diese Frage besonders brisant.
Am 29. August 2026 veranstaltete die Linke Neukölln eine Wahlkampfveranstaltung unter dem Titel „Wütend auf den Kapitalismus“.
Eingeladen war unter anderem der Rapper Dahabflex.
Bei seinem Auftritt sang er unter anderem:
„Yalla Yalla Intifada – Westbank, Palästina, Gaza“
und
„Death to the IDF“ – „Tod der israelischen Armee“.
Der Auftritt fand nicht irgendwo am Rande einer Demonstration statt, sondern auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken. Nach Angaben des Tagesspiegel tanzten und sangen zahlreiche Besucher mit. Ein Co-Vorsitzender der Linken Neukölln war während des Auftritts auf der Bühne; eine unmittelbare Distanzierung erfolgte zunächst nicht. Tagesspiegel – „Yalla Yalla Intifada“ bei der Linken Neukölln
Dahabflex ist dabei kein unbeschriebenes Blatt. Der Tagesspiegel berichtet, dass er sich positiv auf die palästinensische Terrororganisation PFLP bezieht.
Die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp reagierte anschließend scharf. Sie bezeichnete den Auftritt als Grenzüberschreitung, forderte Konsequenzen und erklärte:
„Ich stehe klar für den Schutz von jüdischem Leben und gegen jede Form von Antisemitismus.“
Das ist wichtig.
Denn damit kann man diesen Vorgang nicht seriös als Beweis dafür verwenden, dass die gesamte Linke antisemitisch oder islamistisch sei.
Aber er zeigt ein erhebliches Problem:
Ein Bezirksverband der Partei hat einem Künstler mit einschlägigem politischen Profil eine Bühne gegeben – und dort fielen massive israelfeindliche und gewaltbezogene Parolen.
Luigi Pantisano und die Reaktion der Bundespartei auf Gewaltaufrufe
Noch aufschlussreicher ist die Reaktion des Bundesvorsitzenden Luigi Pantisano.
Auf Nachfrage zu dem Auftritt erklärte er zunächst, er kenne den Rapper und dessen Lieder nicht und wolle sich keine künstlerische Bewertung anmaßen. Erst auf weitere Nachfrage sagte er, Aufrufe zu Gewalt seien selbstverständlich nicht akzeptabel.
Anschließend lenkte er die Diskussion auf Äußerungen des israelischen Ministers Itamar Ben-Gvir und erklärte sinngemäß, darüber müsse gesprochen werden – „nicht über irgendwelche Lieder von irgendwelchen Rappern“. t-online – „Intifada-Aufruf bei Partei-Fest“
Auch hier sollte man fair bleiben:
Pantisano hat Gewaltaufrufe nicht ausdrücklich verteidigt.
Aber die Reaktion wirft eine politische Frage auf:
Warum wird ein Gewaltaufruf auf einer eigenen Wahlkampfveranstaltung nicht zunächst und unmissverständlich verurteilt, bevor über die Politik der israelischen Regierung gesprochen wird?
Denn beides kann gleichzeitig richtig sein:
Ben-Gvir kann scharf kritisiert werden.
Und:
Ein Gewaltaufruf gegen Israelis oder Angehörige der israelischen Armee auf einer Veranstaltung der Linken ist inakzeptabel.
Das eine relativiert das andere nicht.
Vanessa Emde und die Einstaatenlösung für Israel und Palästina
Noch grundsätzlicher wird die Debatte bei Vanessa „Vedi“ Emde von der Linken Neukölln. (BZ – So antisemitisch ist die Neuköllner Linke)
Auf einer Nakba-Demonstration im Mai 2026 erklärte sie sinngemäß, Staaten hätten kein Existenzrecht, sondern nur Menschen. Sie forderte eine demokratische Einstaatenlösung mit gleichen Rechten für alle und erklärte, der palästinensische Widerstand dürfe nicht kriminalisiert werden.
Auch diese Position ist nicht automatisch islamistisch oder antisemitisch.
Eine demokratische Einstaatenlösung mit gleichen individuellen Rechten kann durchaus als politisches Modell vertreten werden.
Aber die entscheidenden Fragen bleiben offen:
Soll Israel als jüdischer Staat verschwinden? Welche kollektiven Rechte sollen jüdische Israelis in dem neuen Staat besitzen? Was genau ist mit „palästinensischem Widerstand“ gemeint?
Und: Schließt dieser Begriff terroristische Gewalt aus?
Gerade weil die Bundespartei das Existenzrecht Israels ausdrücklich für nicht verhandelbar erklärt hat, ist diese Position aus einem Berliner Bezirksverband politisch bemerkenswert.
Sie zeigt, wie weit die innerparteiliche Debatte inzwischen auseinandergehen kann.
Ist Die Linke islamistisch? Warum diese Einordnung zu kurz greift
Ist das schon Islamismus? Nein – jedenfalls nicht automatisch.
Das ist eine wichtige Grenze.
Vanessa Emde wird durch ihre Einstaatenforderung nicht zur Islamistin.
Dahabflex wird durch seine PFLP-Bezüge nicht zum Islamisten.
Ein radikaler Antizionist ist nicht automatisch Islamist.
Und eine Palästina-Demonstration ist nicht automatisch eine islamistische Veranstaltung.
Wer diese Unterschiede verwischt, verliert die analytische Schärfe.
Aber genau deshalb lautet die spannendere Frage:
Welche politischen Überschneidungen entstehen zwischen Teilen der Linken und islamistischen oder anderen extremistischen Milieus?
Und dort gibt es tatsächlich dokumentierte Berührungspunkte.
Die bpb beschreibt die Kategorie „Islam-Linke“ deshalb nicht als Bezeichnung für eine einheitliche politische Bewegung, sondern als analytisches Phänomen konkreter Kooperationen zwischen bestimmten linken und islamistischen Akteuren. Bundeszentrale für politische Bildung – „Islam-Linke“
Politische Überschneidungen zwischen der Linken und extremistischen Milieus
Ihre Bundespartei lehnt Hamas, Hisbollah und andere islamistische Terrororganisationen ausdrücklich ab. Sie bekennt sich zum Existenzrecht Israels. Sie verabschiedet Beschlüsse gegen Antisemitismus.
Aber gleichzeitig gibt es innerhalb bestimmter Parteistrukturen und im Umfeld einzelner Funktionäre politische Positionen und Bündnisse, die eine problematische Nähe zu radikalen palästinensischen Milieus zeigen.
Das beginnt nicht zwangsläufig beim Islamismus.
Es kann beim radikalen Antiimperialismus beginnen.
Dann kommt der Antizionismus.
Dann die Israelfeindschaft.
Dann möglicherweise die Übernahme von Narrativen extremistischer Akteure.
Und an einem bestimmten Punkt kann daraus die Rechtfertigung von Gewalt oder die Delegitimierung jüdischer Selbstbestimmung werden.
Das ist die eigentliche Grauzone.
Wie konsequent grenzt sich Die Linke von Islamismus und Extremismus ab?
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie konsequent grenzt sich Die Linke von islamistischen und anderen extremistischen Akteuren ab, wenn diese im eigenen politischen Umfeld auftauchen?
Denn auf dem Papier ist die Antwort eindeutig.
Hamas ist eine islamistische Terrororganisation.
Antisemitismus hat in der Linken keinen Platz.
Das Existenzrecht Israels ist nicht verhandelbar.
Doch politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht nur durch Parteitagsbeschlüsse.
Sie entsteht dort, wo diese Prinzipien real im Alltag angewendet werden.
Wenn ein Bezirksverband einen umstrittenen Aktivisten oder Künstler einlädt, muss er wissen, mit wem er es zu tun hat.
Wenn auf einer eigenen Veranstaltung Gewaltparolen fallen, muss sofort reagiert werden.
Wenn politische Bündnispartner islamistische oder extremistische Positionen vertreten, muss die Grenze sichtbar sein.
Und wenn die Partei diese Grenze zieht, muss sie sie auch gegenüber den eigenen Leuten durchsetzen.
Die eigentliche Bewährungsprobe für Die Linke
Deshalb wäre es falsch, Die Linke pauschal als „islamistisch“ zu bezeichnen.
Aber ebenso falsch wäre es, die dokumentierten Überschneidungen einfach als bedeutungslos abzutun.
Die entscheidende Bewährungsprobe liegt in der Konsequenz der Abgrenzung.
Die Linke kann gleichzeitig für die Rechte der Palästinenser eintreten und Hamas ablehnen.
Sie kann die israelische Regierung scharf kritisieren und das Existenzrecht Israels verteidigen.
Sie kann eine Einstaatenlösung diskutieren und trotzdem gleiche Rechte für jüdische Israelis garantieren wollen.
Sie kann mit Muslimen und muslimischen Organisationen im Dialog stehen, ohne islamistische Ideologien zu übernehmen.
Aber diese Grenzen müssen konkret sichtbar sein.
Gerade in Neukölln stellt sich deshalb eine unbequeme Frage: Wo endet die legitime Palästina-Solidarität – und wo beginnt die politische Nähe zu extremistischen Milieus?
Und noch die letztendlich interessanteste Frage: Ist die Bundespartei bereit, diese Grenze auch dann durchzusetzen, wenn die problematischen Positionen aus den eigenen Reihen kommen?
In Teilen des politischen Umfelds der Linken gibt es dokumentierte problematische Überschneidungen mit extremistischen Milieus. Wie ernst diese Partei ihre eigenen roten Linien nimmt, zeigt sich nicht in ihren Beschlüssen – sondern letztendlich dort, wo sie tatsächlich getestet werden.
