Free Sonja!

22.07.2026 //  Annette Heinisch und Malca Goldstein-Wolf, AchGut

Wie die deutsche Krankenschwester Sonja Nientiet in Somalia verschwand – und dort seit acht Jahren (!) als Geisel gefangen gehalten wird. Die Bundesregierung hüllt sich in Schweigen. Warum sie endlich handeln muss. Eine Petition.

Sonja Nientiet, Jahrgang 1970, ist Krankenschwester aus Hamm in Nordrhein-Westfalen. Sie hatte bereits seit 2014 für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Krisenregionen gearbeitet, darunter Syrien und die Demokratische Republik Kongo. Seit Januar 2018 war sie in Somalia tätig, wo sie im dortigen Zentrum des Internationalen Roten Kreuzes als Ausbilderin für Erste Hilfe arbeitete.

Am Abend des 3. Mai 2018, gegen 20:00 Uhr Ortszeit, verlässt Nientiet das außerhalb der Hochsicherheits-„Grünen Zone“ gelegene Rotkreuz-Büro, als sie auf dem Gang von einem bewaffneten Wachmann überwältigt wird. Der Wachmann, eigentlich zum Schutz der Mitarbeiter eingeteilt, zerrt die 47-Jährige durch den Hinterausgang, wo ein Komplize und ein Fluchtauto warten. Gemeinsam mit ihr wird kurzzeitig auch ein kenianischer IKRK-Mitarbeiter als Geisel in den Wagen gezwungen. Wenig später finden somalische Sicherheitskräfte am Stadtrand ein aufgegebenes Fluchtfahrzeug mit Reifenpanne. Der kenianische Kollege kann während der Reifenpanne fliehen, von Sonja Nientiet fehlt jede Spur.

Es verdichtet sich rasch der Verdacht einer Insider-Entführung: Somalische Behörden erklären, ein Angehöriger des IKRK-Sicherheitsdienstes habe mit den Kidnappern kollaboriert. Wenige Tage nach der Entführung fordern die Kidnapper über Mittelsmänner 20 Millionen US-Dollar Lösegeld und drohen, die Geisel andernfalls zu ermorden oder an den sogenannten Islamischen Staat weiterzuverkaufen. Ab diesem Zeitpunkt wird die Bundesregierung informiert.

Verdacht einer Insider-Entführung

Berichten zufolge war eine Befreiungsaktion durch deutsche Behörden geplant, fand jedoch aufgrund einer Entscheidung des damaligen Bundesaußenministers nicht statt. Zu groß war die Sorge, die Operation könne in einem Blutbad enden.

Lange gab es Mutmaßungen, Nientiet sei tot. Im Frühjahr 2025 tauchte ein Video auf: Im schwarzen Tschador sitzt sie vor der Kamera, sieht müde und erschöpft aus. An der Echtheit bestehen keine Zweifel. Sie fleht die Bundesregierung an, für ihre Freilassung zu kämpfen, und sagt auf Englisch, nur für ihre Liebsten zuhause würde sie weiterleben.

Was die Videoaufnahme besonders erschütternd macht: Sonja Nientiet ist offenbar nicht an einem isolierten Ort. Hintergrundgeräusche lassen auf ein ganz normales Dorfleben schließen. Immer wieder schließt sie die Augen, trocknet an einer Stelle die Tränen mit einem Taschentuch. Familienangehörige, die sich für Nientiets Befreiung einsetzen könnten, hat die Deutsche nicht mehr. Ihre Mutter Christel starb im Juni 2024, ohne ihre Tochter je wiedergesehen zu haben.

Deutschland, hol sie heim!

Seit acht Jahren steht ihr Leben in einem somalischen Dorf still, während die Welt um Sonja Nientiet herum einfach weiterläuft. Sie hatte den Mut, das sichere Deutschland zu verlassen, um in Syrien, dem Kongo und Somalia Entwicklungshilfe zu leisten. In Kriegsgebieten lehrte sie Erste Hilfe und sitzt nun seit acht Jahren in Geiselhaft. Doch die Bundesrepublik Deutschland schweigt.

Das Auswärtige Amt sagt, man bitte um Verständnis, dass man sich „grundsätzlich nicht zu Entführungsfällen deutscher Staatsangehöriger im Ausland äußert“. Die Antwort des Auswärtigen Amts auf Nachfragen kommt stets rasch, sie lautet stets gleich. Stille Diplomatie, heißt es. Man wolle keine Nachahmungstäter animieren, keine Erpressbarkeit demonstrieren. Das ist nachvollziehbar als Grundsatz, jedoch kein dauerhafter Ausweg für eine konkrete Frau in konkreter Not. Es wirkt wie eine Formel, hinter der man sich versteckt.

Die Bundesregierung hat das Recht, Verhandlungsstrategien für sich zu behalten. Sie hat jedoch nicht das Recht, eine Bürgerin in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn genau das ist geschehen: Diese Stille führte dazu, dass der Fall Nientiet in Vergessenheit zu geraten drohte. Freunde dürfen keine Presse einschalten, man habe ja Verhandlungen. Aber nach acht Jahren fragt man sich, was genau dort verhandelt wird. „Was kann denn noch schlimmer werden? Dass Sonja in Gefangenschaft stirbt. Durch Krankheit. Durch militärische Auseinandersetzungen in Somalia. Sonja läuft die Zeit davon“, sagt ihre Freundin Olga Platzer.

Es gibt Hebel

Dabei gäbe es genügend Ansatzpunkte: Eine abgebrochene Befreiungsaktion, den BND, diplomatische Kanäle, Entwicklungszusammenarbeit mit Somalia, eine EU-Militärmission auf somalischem Boden. Somalia ist immerhin ein Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit und des sicherheitspolitischen Engagements der EU, unter anderem durch die Militärmission EUTM Somalia und die Kapazitätsmission EUCAP Somalia. Was jedoch fehlt, ist der politische Wille, diese Hebel für eine einzelne Frau einzusetzen. Offenbar weil eine einzelne Frau kein Geopolitikum ist und ihre Befreiung nirgendwo eine Lobby hat.

Der Kern dieser Geschichte ist, dass Deutschland sich für jene, die in seinem Namen Entwicklungshilfe leisten, nicht genug einsetzt. Sonja Nientiet hat humanitäre Arbeit geleistet, die den Staat entlastet, die das Ansehen Deutschlands mehrt, die in Teilen staatlich mitfinanziert wird. Wer Menschen in Krisengebiete schickt oder es billigend in Kauf nimmt, dass sie dort tätig sind, trägt auch eine Verantwortung für das, was ihnen dort widerfährt.

Die NGO HÁWAR.help plädiert an dieser Stelle für eine Mischung aus stiller Diplomatie und lautem Aktivismus, eine Kombination, die in anderen Fällen bereits Erfolg hatte. Denn Öffentlichkeit schützt, erzeugt Druck und erinnert die Entführer und die Verantwortlichen in der Politik daran, dass die Welt zuschaut.

Sonja Nientiet hat keine Familie mehr, die für sie streitet. Ihre Mutter ist tot. Die wenigen Freunde, die noch kämpfen, tun es gegen den Widerstand einer Bürokratie, die aus angeblicher Fürsorge schweigt. Ihr einziges Lebenszeichen nach sieben Jahren: ein Video, in dem eine sichtlich kranke Frau darum bittet, dass man sich an sie erinnert.

Deutschland erinnert sich gern an seine humanitären Werte. Es inszeniert sich als verlässlicher Partner, als Land, das für Menschenrechte eintritt. Dies erscheint unglaubwürdig, solange eine Frau, die für genau diese Werte ihr Leben riskiert hat, in einem somalischen Dorf sitzt und wartet. Holt sie heim. Free Sonja!

Wer helfen möchte: hier ist der Link zur Petition

Hören Sie dazu auch den Podcast mit Malca Goldstein-Wolf und Birgit Kelle.


Dieser Beitrag erschien im  Original bei Ach Gut.

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