Die jüngere Geschichte der Ukraine
Von der Revolution zur Sowjetrepublik
Ab 1917 geriet die Ukraine im Zuge der Russischen Revolution in einen Kampf um ihre staatliche Unabhängigkeit. Die Ukrainische Volksrepublik konnte sich jedoch nicht dauerhaft gegen die Bolschewiki durchsetzen. 1922 wurde die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik Teil der neu gegründeten Sowjetunion und blieb bis zu deren Zerfall 1991 unter der politischen Vorherrschaft Moskaus. Besonders unter Stalin litt die Ukraine schwer unter Zwangskollektivierung, Repressionen und der Hungersnot des Holodomor 1932/33. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte nahezu das gesamte Gebiet der heutigen Ukraine zur UdSSR. 1954 wurde die Krim innerhalb der Sowjetunion von der Russischen SFSR an die Ukrainische SSR übertragen.
Unabhängigkeit und Budapester Memorandum
Mit dem Zerfall der Sowjetunion erklärte die Ukraine 1991 ihre Unabhängigkeit und bestätigte sie in einem Referendum. Russland erkannte die ukrainische Unabhängigkeit und die bestehenden Grenzen an. Eine besondere Bedeutung hatte dabei das Budapester Memorandum von 1994: Im Gegenzug für den Verzicht der Ukraine auf die auf ihrem Territorium verbliebenen sowjetischen Atomwaffen bekräftigten Russland, die USA und Großbritannien ihre Verpflichtung, die Unabhängigkeit, Souveränität und bestehenden Grenzen der Ukraine zu respektieren und sich jeder Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen ihre territoriale Integrität oder politische Unabhängigkeit zu enthalten. UN – Budapester Memorandum von 1994
Krim, Donbass und der Beginn des Konflikts
2014 annektierte Russland die Krim und unterstützte prorussische Separatisten im Donbass. Damit wurde das zuvor bestätigte territoriale Gefüge grundlegend infrage gestellt. Am 24. Februar 2022 begann schließlich die großangelegte russische Invasion der Ukraine.
Die Bedeutung der NATO-Osterweiterung
Nach dem Ende des Kalten Krieges entwickelte sich das Verhältnis zwischen Russland, der NATO und der Ukraine zunächst keineswegs zwangsläufig zu einer Konfrontation. Wie in einem Treffen hochrangiger Vertreter zwischen den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland im März 1991 dokumentiert, wurde Russland im Rahmen der 2+4-Verträge (in 1990 beschlossen) zugesichert, dass die NATO nicht über die Elbe hinaus ausgedehnt wird. Russland arbeitete zeitweise eng mit der NATO zusammen; 2002 wurde der NATO-Russland-Rat gegründet, der eine Zusammenarbeit zwischen Russland und den NATO-Staaten in gemeinsamen Sicherheitsfragen ermöglichen sollte. NATO – NATO-Russland-Beziehungen und Gründung des NATO-Russland-Rates
Putins Haltung zur NATO-Mitgliedschaft der Ukraine
Auch gegenüber einem möglichen NATO-Beitritt der Ukraine war die russische Haltung zunächst vergleichsweise zurückhaltend. Wladimir Putin erklärte 2005 ausdrücklich, Russland werde eine Entscheidung der Ukraine für die NATO respektieren, da es sich um eine souveräne Entscheidung der Ukraine handele. Diese Haltung ist deshalb bemerkenswert, weil die NATO-Mitgliedschaft der Ukraine später zu einem zentralen Streitpunkt zwischen Russland und dem Westen wurde. Dokumentation zu Putins NATO-Äußerungen 2005
Der NATO-Gipfel von Bukarest 2008
Die NATO verfolgte gleichzeitig ihre Politik der offenen Tür. Beim Gipfel von Bukarest 2008 erklärten die Mitgliedstaaten offiziell, dass Ukraine und Georgien eines Tages NATO-Mitglieder werden sollten. Die NATO bezeichnete den Membership Action Plan (MAP) als nächsten Schritt auf dem Weg zur Mitgliedschaft. NATO – Bucharest Summit Declaration 2008
Die schwierige Zwischenlage nach 2008
Deutschland und Frankreich verhinderten damals allerdings, dass Ukraine und Georgien unmittelbar den MAP erhielten. Damit entstand eine schwierige Zwischenlage: Die Ukraine erhielt keine NATO-Sicherheitsgarantie, Russland aber auch keine Zusicherung, dass die Ukraine dauerhaft außerhalb des Bündnisses bleiben würde. Die NATO bekräftigte ihre Entscheidung im Dezember 2008 und erneut 2009. NATO – Erklärung vom Dezember 2008; NATO – Strasbourg/Kehl Summit Declaration 2009
Maidan, Krim und der erneute NATO-Kurs der Ukraine
2010 erklärte die Ukraine zunächst eine Politik der Blockfreiheit. Nach den umstrittenen Maidan Demonstrationen, welche die Flucht des damaligen Präsidenten Janukowytsch zur Folge hatte, der anschließenden russischen Annexion der Krim und dem Bürgerkrieg im Donbass 2014 nahm die Ukraine ihren NATO-Kurs wieder auf. Russland lehnte diese Bestrebungen ab und forderte im Dezember 2021 von der NATO, auf weitere Expansionen zu verzichten und einen NATO-Beitritt der Ukraine auszuschließen 2021 Russland Ultimatum. Das Ultimatum wurde von der NATO im Januar 2022 abgelehnt, woraufhin Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte.
Die besondere Bedeutung der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines
Energiekrise und Forderungen nach Nord Stream 2
Während des Ukraine-Krieges und der Energiekrise 2022 kam es in Deutschland angesichts einer drohenden Gasmangellage zu größeren Protesten gegen steigende Energiepreise, die Russland-Sanktionen und die Energiepolitik der Bundesregierung. Dabei wurde auch die Öffnung von Nord Stream 2 gefordert.
Am 21. September 2022 demonstrierten in Stralsund rund 4.000 Menschen mit Unterstützung des dortigen Oberbürgermeisters für ein Ende der Sanktionen und die Öffnung von Nord Stream 2.
Die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines
Nur fünf Tage später, am 26. September 2022 wurden in der Ostsee nahe der dänischen Insel Bornholm durch mehrere Unterwasserexplosionen drei der vier Leitungen von Nord Stream 1 und Nord Stream 2 schwer beschädigt. Schweden und Dänemark kamen zu dem Ergebnis, dass es sich um gezielte Sabotage handelte. Schweden stellte seine Ermittlungen im Februar 2024 ein und übergab vorhandene Erkenntnisse an die zuständigen deutschen Ermittlungsbehörden; Dänemark stellte seine Untersuchung ebenfalls 2024 ein. Deutschland setzte die strafrechtlichen Ermittlungen fort. Schwedische Sicherheitspolizei – Einstellung der Nord-Stream-Ermittlungen
Die verschiedenen Theorien zur Urheberschaft
Lange standen verschiedene Theorien über die Urheberschaft im Raum. Russland beschuldigte unter anderem die USA und Großbritannien, während auch eine russische Operation sowie eine ukrainische Beteiligung diskutiert wurden. Für internationales Aufsehen sorgte im Februar 2023 der rennomierte US-amerikanische Investigativjournalist Seymour Hersh. Er behauptete unter Berufung auf eine anonyme Quelle, die USA hätten die Sprengung unter Beteiligung Norwegens organisiert und auf Anweisung von Präsident Joe Biden durchführen lassen. Die US-Regierung wies diese Darstellung zurück; eine unabhängige Bestätigung von Hershs zentraler These gibt es nicht. Seymour Hersh – „How America Took Out The Nord Stream Pipeline“; Tagesschau – Faktencheck zu Hershs Nord-Stream-Behauptungen. Auch der ehemalige polnische Verteidigungs- und Außenminister Radosław Sikorski sorgte unmittelbar nach den Explosionen für Aufsehen. Am 26. September 2022, dem Tag der Nord-Stream-Sabotage, veröffentlichte er auf Twitter (heute X) ein Foto eines der Gaslecks und kommentierte es mit den Worten: „Thank you, USA“ („Danke, USA“). Berliner Zeitung.
Sikorski erklärte damit allerdings nicht ausdrücklich, dass die Vereinigten Staaten die Pipelines gesprengt hätten. Seine Äußerung wurde jedoch vielfach in diesem Sinne interpretiert. Bemerkenswert ist, dass Sikorski später als polnischer Außenminister erklärte, die USA hätten nach seiner Auffassung bereits im Vorfeld von den Plänen zur Sprengung gewusst und die Sabotage nicht verhindert. Er verwies dabei auf entsprechende Medienberichte.
Die deutschen Ermittlungen und die ukrainische Spur
Die deutschen Ermittlungen haben inzwischen ein deutlich konkreteres Bild ergeben. Nach den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft wurde die Operation von einer Gruppe ukrainischer Staatsangehöriger vorbereitet und durchgeführt. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter die Segelyacht „Andromeda“ unter falscher Identität anmieteten und mit Sprengstoff und Tauchausrüstung zu den Pipelines fuhren. Die Ermittlungen ergaben nach Angaben der Bundesanwaltschaft beziehungsweise aus der Anklageschrift konkrete Verdachtsmomente für die Beteiligung der Gruppe. Generalbundesanwalt – Haftbefehl gegen Serhii K., 28. November 2025
Der Vorwurf gegen Serhii K.
Besonders brisant ist der inzwischen erhobene Vorwurf der deutschen Bundesanwaltschaft: Der ukrainische Staatsangehörige Serhii K., der im August 2025 in Italien festgenommen und im November 2025 nach Deutschland überstellt wurde, soll die Operation koordiniert haben. Am 30. Juni 2026 erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen ihn vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg. Ihm werden unter anderem ein Angriff auf zivile Objekte, die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken vorgeworfen. Serhii K. bestreitet eine Beteiligung. Generalbundesanwalt – Haftbefehl gegen Serhii K.; Deutschlandfunk – Erste Anklage gegen mutmaßlichen Nord-Stream-Saboteur.
Die mögliche staatliche Beteiligung der Ukraine
Nach den inzwischen bekannt gewordenen Einzelheiten der Anklageschrift gehen die führenden deutschen Ermittler davon aus, dass Serhii K. und weitere ukrainische Militärangehörige den Plan nach Beginn des russischen Angriffskrieges im Auftrag staatlicher Stellen in der Ukraine entwickelten. Ziel sei gewesen, die Gaslieferungen über die Pipelines dauerhaft zu unterbinden und damit Russland Einnahmen zu entziehen, die zur Finanzierung des Krieges hätten dienen können. Tagesspiegel – Einzelheiten der Nord-Stream-Anklage. Bereits im August 2024 berichtete das Wall Street Journal unter Berufung auf mehrere mit den Vorgängen vertraute Personen, dass der Plan zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines ursprünglich von ukrainischen Militärangehörigen entwickelt und von Präsident Wolodymyr Selenskyj zunächst mündlich genehmigt worden sei. Nachdem die CIA von den Plänen erfahren und Selenskyj zum Abbruch aufgefordert habe, soll dieser die Operation gestoppt haben. Der damalige ukrainische Oberbefehlshaber Walerij Saluschnyj soll die Operation jedoch trotzdem fortgesetzt haben. Tagesschau – Nord-Stream-Anschläge.
Was ist heute über die Urheberschaft bekannt?
Damit hat sich die Bewertung der möglichen Urheberschaft erheblich verändert: Aus einer zunächst weitgehend offenen Frage ist durch die deutschen Ermittlungen ein konkreter Verdacht gegen eine ukrainische Operation mit möglicher staatlicher Beteiligung geworden. Allerdings ist dies noch kein rechtskräftiger Beweis dafür, dass die ukrainische Staatsführung die Sprengung angeordnet hat. Über die strafrechtliche Schuld des Angeklagten muss zunächst ein Gericht entscheiden. Auch die politische Verantwortlichkeit der ukrainischen Staatsführung ist damit nicht abschließend geklärt. Die Bundesregierung verwies nach der Anklageerhebung auf die laufenden Ermittlungen und äußerte sich nicht zu einer möglichen staatlichen Verantwortung der Ukraine. Bundesregierung – Regierungspressekonferenz vom 3. Juli 2026.
Die offenen Fragen
Die entscheidende offene Frage lautet deshalb heute nicht mehr nur „Wer führte die Sprengung aus?“, sondern vor allem: Wer gab den Auftrag, wer finanzierte und organisierte die Operation – und wie weit reichte die politische beziehungsweise militärische Verantwortung der Ukraine und ihrer Unterstützer?
Diese Frage ist bislang nicht abschließend geklärt und befeuert die Diskussion über Verantwortung, Schuld, Vertrauen und mögliche Wiedergutmachung.
