Der philosophische Ursprung des woken Wahnsinns

21.08.2026 // Norbert Bolz, Der Sandwirt

Adorno und die Rückseite der Erkenntnis

Der untadelige neomarxistische Philosoph Theodor W. Adorno meinte einmal, Paranoia sei die Rückseite der Erkenntnis. Was mit diesem zunächst rätselhaft klingenden Satz gemeint ist, kann man sich an der „Wokeness“ sehr gut klar machen.

Der Linguistic Turn: Sprache wird zur Welt

Am Anfang stand eine Erkenntnis, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu dem sogenannten „linguistic turn“ geführt hat: Das analytische und kritische Denken muss von Bewusstsein auf Sprache und Kommunikation umstellen. Diese Wendung beginnt 1953 mit Ludwig Wittgensteins Theorie der Sprachspiele. Demnach sind die Grenzen meiner Sprache die Grenzen meiner Welt.

Wittgenstein, Austin und Searle: Sprache verändert die Realität

In England und Amerika war es die Sprechakttheorie von John Austin (1955) und John Searle (1969), die zeigen konnte, wie Sprechen die Realität verändert. In Frankreich war es die Diskursanalyse von Jacques Lacan und Michel Foucault, vor allem aber auch die von Jacques Derrida entwickelte Methode der „Dekonstruktion“, die an die Stelle der bisher von den Marxisten bevorzugten Methode der Ideologiekritik trat. Alles Wesentliche geschah also schon in den 50er und 60er Jahren.

Diskursanalyse: Sprache als Instrument der Macht

Die französische Variante des „linguistic turn“ hat die entscheidende Verschärfung gebracht, die schließlich in den woken Wahnsinn mündete. Die Faszination der Diskursanalyse besteht nämlich darin, dass sie Sprache und Kommunikation als Schauplätze von Macht und Gewalt interpretiert: Indem wir kommunizieren, sind wir in Machtverhältnisse verstrickt – und das ganz unabhängig von unseren Absichten und Gesinnungen.

Dekonstruktion und der Verdacht gegen jede Unterscheidung

Jeder „Diskurs“ stabilisiert demnach Herrschaft, auch wenn es keine Herrscher mehr gibt. Und die Methode der „Dekonstruktion“ treibt diesen Verdacht noch weiter.

Weil Sprache mit abstrakten Begriffen operiert und die Wirklichkeit in Kategorien, Klassifikationen und Unterscheidungen zwängt, tut im Grunde jede Bestimmung dem Leben Gewalt an.  Wenn man die Welt aber so sieht, dann kann Emanzipation, Befreiung nur noch bedeuten: Aufhebung der Unterscheidungen, Beliebigkeit aller Bestimmungen, Verzicht auf Urteile.

Queer als moderner Name für Dekonstruktion

„Queer“ ist der heute modische Name für „Dekonstruktion“. Geprägt wurde er schon in den 90er Jahren, und er markiert das Ende der Inkubationszeit des woken Wahnsinns.

Von Lacan und Foucault zu den Epigonen

Lacan starb 1981, Foucault 1984 und Derrida 2004. Seither beherrschen die Epigonen und unfreiwilligen Parodisten die Szene. Für das, was sie treiben, hat der kluge Berliner Germanist Klaus Laermann schon 1986 die passende Formel gefunden: Lacancan und Derridada.

 


Dieser Beitrag erschien im  Original beim Sandwirt.

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