Offshore-Windkraft und ihre Auswirkungen auf das Wetter
Offshore-Windkraft gilt als eine der großen Säulen der Energiewende. Windräder im Meer sollen Strom produzieren, ohne Landschaften an Land zu verbrauchen, und dabei nahezu CO₂-frei Energie liefern. Doch je größer die Windparks werden, desto dringlicher stellt sich eine Frage, die bislang kaum öffentlich diskutiert wird: Verändern riesige Windkraftanlagenfelder auf dem Meer nicht nur den Wind – sondern auch Wolken, Niederschlag und damit möglicherweise den Wasserhaushalt an Land?
Die Antwort lautet inzwischen: Das ist zumindest physikalisch plausibel und wird durch aktuelle Modellierungen zunehmend gestützt. Eine im August 2026 veröffentlichte Studie des Helmholtz-Zentrums Hereon zeigt, dass großflächige Offshore-Windparks die Atmosphäre deutlich beeinflussen können. Die Anlagen entziehen der Luftströmung Bewegungsenergie und verändern die turbulente Durchmischung der Atmosphäre. Hinter den Windparks entstehen sogenannte Windpark-Wakes – Zonen mit geringerer Windgeschwindigkeit und veränderten vertikalen Luftbewegungen.
Wie Offshore-Windparks Wolken und Niederschlag beeinflussen
Und genau dort beginnt das eigentlich brisante Phänomen.
Über großen Windparkflächen kann die Luft stärker aufsteigen. Feuchte Luft wird nach oben transportiert, kühlt ab, Wasserdampf kondensiert – Wolken entstehen und Niederschlag kann ausgelöst oder verstärkt werden. Vereinfacht gesagt: Ein Teil der Feuchtigkeit kann bereits über dem Meer aus der Atmosphäre „herausgeregnet“ werden. Hinter dem Windpark verändert sich die Situation. Die Luft sinkt teilweise wieder ab, wird trockener und die Bedingungen für weitere Wolkenbildung können ungünstiger werden. Der Niederschlag wird damit räumlich verschoben: mehr Regen über dem Windpark – weniger Regen in nachgelagerten Regionen.
„Offshore-Regen“: Veränderung der Niederschlagsverteilung
„Offshore-Regen“ wäre deshalb als Schlagwort durchaus eingängig. Wissenschaftlich muss man allerdings präziser von einer Veränderung der räumlichen Niederschlagsverteilung durch Offshore-Windparks sprechen. Denn es geht nicht darum, dass ein Windrad wie ein Schalter eine Regenwolke ausschaltet. Es geht um eine Veränderung der atmosphärischen Grenzschicht, der Feuchteverteilung, der Turbulenz sowie von Auf- und Abwärtsbewegungen der Luft.
Wie stark verändert Offshore-Windkraft den Niederschlag?
Die Größenordnung, die in den aktuellen Modellierungen sichtbar wird, verdient trotzdem Aufmerksamkeit. Für ein maximales Offshore-Ausbauszenario bis 2050 simuliert die Hereon-Studie über den Windparkflächen monatlich etwa 8 bis 10 Millimeter zusätzlichen Niederschlag, während in angrenzenden Küstenregionen gleichzeitig 6 bis 10 Millimeter
weniger Niederschlag auftreten können. Für Teile Nordwestdeutschlands werden Niederschlagsrückgänge von etwa 5 bis 8 Prozent simuliert, in Teilen Jütlands sogar von mehr als 15 Prozent.
Das sind keine Kleinigkeiten mehr.
Wie weit reicht die Wetterwirkung von Offshore-Windparks?
Noch wichtiger ist, dass die Wirkung nicht zwingend am Strand endet. Bereits ältere Modellierungen haben gezeigt, dass Veränderungen der Atmosphäre durch große Offshore-Windparks noch rund 100 Kilometer landeinwärts nachweisbar sein können. Für Hamburg wurden unter bestimmten Wetterbedingungen unter anderem eine geringere relative Luftfeuchtigkeit und eine deutliche Veränderung des modellierten Wolkenwassergehalts simuliert. Auch Messungen an der britischen Küste lieferten erste Hinweise darauf, dass sich nach der Errichtung von Offshore-Windparks Niederschlagsparameter verändern können.
Damit steht eine Frage im Raum, die bisher viel zu wenig gestellt wird:
Was passiert, wenn nicht einige wenige Windräder, sondern ganze Meeresregionen mit tausenden Anlagen bebaut werden?
Tausende Windräder und die kumulative Wetterwirkung
Denn die geplante Dimension der Offshore-Windkraft verändert die Größenordnung des Problems. Einzelne Anlagen mögen meteorologisch kaum ins Gewicht fallen. Große Windparks erzeugen bereits messbare Wakes. Mehrere Windparks können ihre Wirkungen überlagern. Und wenn große Teile der Nordsee mit Windparks bedeckt werden, lässt sich nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass die Atmosphäre ihre Feuchtigkeit und Energie genauso verteilt wie zuvor.
Das ist keine Argumentation gegen Windkraft. Es ist ein Argument für wissenschaftliche Vorsicht.
Offshore-Windkraft, Niederschlag und Grundwasser
Denn wir wissen heute wesentlich weniger, als wir angesichts der Größe des geplanten Eingriffs wissen müssten. Die Forschung beschäftigt sich zunehmend mit Windgeschwindigkeit, Turbulenz, Wolkenbildung und Niederschlag. Was jedoch bislang weitgehend fehlt, ist die vollständige Kette:
Offshore-Windpark → veränderte Atmosphäre → veränderte Wolkenbildung → veränderter Niederschlag → veränderte Bodenfeuchte → veränderte Grundwasserneubildung.
Gerade der letzte Teil ist entscheidend. Einen belastbaren Nachweis, dass Offshore-Windkraft heute bereits den Grundwasserspiegel in Deutschland messbar absenkt, gibt es bislang nicht. Ein Rückgang des Niederschlags lässt sich nicht einfach eins zu eins in einen Rückgang der
Grundwasserneubildung übersetzen. Boden, Vegetation, Verdunstung, Oberflächenabfluss und geologische Bedingungen spielen eine entscheidende Rolle.
Aber genau deshalb müsste diese Frage jetzt untersucht werden – bevor die Ausbauziele vollständig umgesetzt sind.
Warum die Wetterwirkung von Offshore-Windkraft untersucht werden muss
Wir bauen möglicherweise eine neue, riesige Infrastruktur auf dem Meer auf, deren Auswirkungen nicht nur energetisch und ökologisch, sondern auch meteorologisch betrachtet werden müssen – während wesentliche Folgen für den regionalen Wasserhaushalt noch nicht ausreichend untersucht sind.
Die politische Debatte darf deshalb nicht bei der Frage stehen bleiben, wie viele Gigawatt Offshore-Windkraft Deutschland installieren kann.
Sie muss auch fragen:
Was verändert diese gigantische künstliche Barriere für die Atmosphäre?
Wie weit reichen die Wakes tatsächlich ins Landesinnere? Unter welchen Wetterlagen verändern sich Wolkenbildung und Niederschlag besonders stark? Welche Regionen sind betroffen? Wie groß ist der Effekt bei unterschiedlichen Ausbaugraden? Und vor allem: Kann aus einer Veränderung des Niederschlags langfristig eine Veränderung der Bodenfeuchte und der Grundwasserneubildung entstehen?
Solange diese Fragen nicht beantwortet sind, wäre es fahrlässig, Offshore-Windkraft ausschließlich als harmlose Form der Energiegewinnung zu betrachten.
Offshore-Windkraft und die offene Umweltbilanz
Denn vielleicht müssen wir unsere Vorstellung von „grünem Strom“ erweitern.
Ein Windpark verändert nicht nur den Strommarkt. Er verändert den Wind.
Und wenn sehr viele Windparks den Wind verändern, können sie möglicherweise auch verändern, wo Wolken entstehen, wo es regnet – und wo der Regen ausbleibt.
Das bedeutet nicht, dass Offshore-Windkraft Deutschlands Trockenheit verursacht. Dafür gibt es bislang keinen Beleg.
Es bedeutet aber etwas anderes – und möglicherweise viel Wichtigeres:
Wir beginnen gerade, in einem bislang kaum verstandenen Maßstab in ein komplexes atmosphärisches System einzugreifen. Und bevor wir diesen Eingriff weiter vervielfachen, sollten wir endlich genau wissen, welche Folgen er für unser Wetter, unseren Wasserhaushalt und unser Grundwasser haben kann.
Offshore-Wind braucht deshalb nicht weniger Forschung, sondern mehr. Nicht weniger Transparenz, sondern mehr. Und vor allem eine ergebnisoffene Untersuchung der Frage, ob der Strom, den wir auf dem Meer gewinnen, an anderer Stelle möglicherweise mit einem
Teil des Regens bezahlt wird.
Offshore-Windkraft: Die offene Umweltbilanz ist noch viel größer
Dieser Beitrag beschäftigt sich nur mit einem bislang wenig beachteten Aspekt: den möglichen Auswirkungen großer Offshore-Windparks auf Wind, Wolkenbildung und Niederschlag. Doch die Umweltbilanz reicht wesentlich weiter, das soll hier nicht vergessen werden.
Unter Wasser stellen sich Fragen zum Rückbau, zu Fundamenten und Seekabeln, zur Veränderung von Sandboden, Strömungen und Sandbänken sowie zu den Folgen für Muscheln, Krabben, Fische, Schweinswale und Robben. Hinzu kommen Unterwasserlärm, Bauarbeiten, Schiffsverkehr und elektromagnetische Felder.
Schadstoffe, SF₆ und Auswirkungen auf Vögel
Auch mögliche Material- und Schadstoffeinträge, langlebige Chemikalien und das in bestimmten Schaltanlagen eingesetzte extrem klimaschädliche SF₆ gehören in eine vollständige Bilanz. Über Wasser müssen vor allem die Auswirkungen auf Vögel und Zugvögel berücksichtigt werden.
Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Anlage, sondern die kumulative Wirkung von hunderten oder tausenden Windrädern auf Meer und Atmosphäre.
Deshalb muss Offshore-Windkraft über ihren gesamten Lebenszyklus betrachtet werden – von Rohstoffgewinnung und Bau über Betrieb und Wartung bis zum Rückbau.
Die ungeklärte Gesamtbilanz der Offshore-Windkraft
Die entscheidende Frage lautet: Verändern wir mit diesem gigantischen Ausbau ein hochkomplexes Meeres- und Atmosphärensystem stärker, als wir heute wissen – und kennen wir die Folgen wirklich schon ausreichend?
Die ehrliche Antwort lautet: Nein.
zum Nachlesen:
- Akhtar et al. (2026): „Projected impacts of future offshore wind farms on coastal precipitation over the Northwest European shelf“ – aktuelle Studie zu Offshore-Windparks, Wolken und Niederschlag:
Originalstudie bei Nature - Helmholtz-Zentrum Hereon – Publikationen – Informationen zur aktuellen Forschung über Offshore-Windkraft und atmosphärische Auswirkungen:
Hereon-Publikationsübersicht - Boettcher et al. (2015): „Influence of large offshore wind farms on North German climate“ – Modellierung der Auswirkungen großer Offshore-Windparks auf das Klima Norddeutschlands:
Studie bei ResearchGate - Universität Hamburg: Offshore-Windparks und Klima – verständliche Zusammenfassung der Forschung zur Wirkung von Offshore-Windparks bis in den Raum Hamburg:
Universität Hamburg - Al Fahel & Archer (2020): „Observed onshore precipitation changes after the installation of offshore wind farms“ – Untersuchung realer Niederschlagsmessungen nach dem Bau britischer Offshore-Windparks:
Studie bei Tethys / PNNL - Umweltbundesamt – Energiegewinnung im Meer – Informationen zu Umweltwirkungen von Offshore-Windkraft, darunter Meeresboden, Meeressäuger, Unterwasserlärm und weitere Belastungen:
Umweltbundesamt - Frankfurter Rundschau – Offshore-Windparks könnten Regen verlagern – über der Nordsee mehr, in deutschen Küstenregionen weniger
Frankfurter Rundschau
