Vielleicht ist nicht unsere Jugend das Problem

Das Handwerk gewinnt wieder Auszubildende. PISA erreicht ein neues Tief. Was uns dieser Widerspruch über unser Bildungssystem sagt.

Es gibt Nachrichten, die passen einfach nicht so recht zu dem Bild, das wir uns selbst eingeredet haben.

Seit Jahren hören wir, die junge Generation wolle nicht mehr arbeiten. Zu hohe Ansprüche. Zu wenig Leistungsbereitschaft. Work-Life-Balance noch vor dem ersten Arbeitstag. Möglichst wenig Verantwortung, dafür möglichst viel Freizeit.

Generation Z eben.

Und dann kommt das deutsche Handwerk und stört dieses schöne, einfache Bild.

In der ersten Hälfte des Jahres 2026 wurden knapp 67.800 neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen. Das waren 4,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks könnte 2026 damit bereits das vierte Jahr in Folge werden, in dem die Ausbildungszahlen steigen. Einen vergleichbar hohen Juni-Wert hatte das Handwerk zuletzt 2018.

Das ist erst einmal eine gute Nachricht.

Und vielleicht sollten wir uns angewöhnen, gute Nachrichten auch einfach einmal gute Nachrichten sein zu lassen.

Junge Menschen entscheiden sich wieder häufiger für einen Beruf im Handwerk.

Sie werden Elektroniker, Anlagenmechaniker, Tischler, Mechatroniker, Dachdecker, Metallbauer oder entscheiden sich für eines der vielen anderen Gewerke.

Sie lernen einen Beruf.

Sie übernehmen Verantwortung.

Sie schaffen etwas mit ihren Händen und ihrem Kopf.

Und einige von ihnen werden in ein paar Jahren Meister sein, einen Betrieb übernehmen oder selbst einen gründen.

So weit, so erfreulich.

Dann kam der 8. September.

Und PISA 2025.

Zwei Nachrichten, die eigentlich zusammengehören

Die aktuellen PISA-Ergebnisse sind keine schöne Lektüre.

Deutschland erreicht 2025 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften die niedrigsten Werte, die für Deutschland jemals bei PISA gemessen wurden.

Die Ergebnisse in Mathematik und Lesen sind gegenüber 2022 erneut gesunken. In den Naturwissenschaften blieb das Ergebnis ungefähr auf dem Niveau von 2022.

Deutschland liegt damit zwar insgesamt noch ungefähr im OECD-Durchschnitt. Wir sind also nicht das bildungspolitische Entwicklungsland, zu dem uns manche Schlagzeile gern erklärt.

Aber das eigentliche Problem ist ein anderes:

Wir werden schlechter.

Und zwar seit Jahren.

Gerade einmal 66 Prozent der deutschen 15-Jährigen erreichen in Mathematik mindestens Kompetenzstufe 2. Beim Lesen sind es 68 Prozent und in den Naturwissenschaften 73 Prozent.

Anders herum gelesen bedeutet das:

Rund ein Drittel unserer 15-Jährigen erreicht in Mathematik beziehungsweise Lesen nicht einmal dieses grundlegende Kompetenzniveau.

Das sollte uns mehr beschäftigen als die hundertste Diskussion darüber, ob irgendwo noch eine Stunde Politikunterricht zusätzlich in den Stundenplan passt.

Denn Lesen, Schreiben und Rechnen sind keine nostalgischen Vorstellungen aus einer vergangenen Schulwelt.

Sie sind das Werkzeug für nahezu alles, was danach kommt.

Wer einen Text nicht versteht, wird sich auch mit einer technischen Anleitung schwertun.

Wer grundlegende Mathematik nicht beherrscht, bekommt in vielen Ausbildungsberufen sehr schnell ein Problem.

Und wer Informationen nicht einordnen kann, wird in einer Welt aus sozialen Medien, künstlicher Intelligenz und einer praktisch unbegrenzten Menge an Informationen nicht freier.

Er wird abhängiger.

Und jetzt wird es interessant

PISA hat 2025 nicht nur Wissen abgefragt.

Die OECD hat die Jugendlichen auch gefragt, wie sie selbst über Lernen und Schule denken.

Und genau dort wird die Geschichte plötzlich ziemlich spannend.

77 Prozent der deutschen Schülerinnen und Schüler sagen, dass sie auf viele verschiedene Dinge neugierig sind.

Damit liegen deutsche Jugendliche sogar über dem OECD-Durchschnitt von 73 Prozent.

64 Prozent sagen, dass sie sich besonders anstrengen, wenn eine Aufgabe schwierig wird.

Auch das liegt über dem OECD-Schnitt.

Gleichzeitig sagen allerdings 33 Prozent der deutschen Jugendlichen, Schule sei für sie Zeitverschwendung gewesen.

Jeder Dritte.

2022 waren es noch vier Prozentpunkte weniger.

Diese drei Zahlen sollte man einmal nebeneinanderlegen.

Eine große Mehrheit ist neugierig.

Eine Mehrheit ist bereit, sich anzustrengen.

Und gleichzeitig hält ein Drittel die Schule für Zeitverschwendung.

Vielleicht fehlt unserer Jugend also gar nicht zuerst der Wille. Vielleicht gelingt es unserem Bildungssystem nur immer weniger, diesen Willen in Können zu verwandeln.

Das wäre jedenfalls eine deutlich interessantere Frage als die pauschale Behauptung, die jungen Leute seien eben faul.

Vielleicht reden wir über die falschen Leute

Ich glaube, wir machen es uns manchmal zu einfach.

Wenn ein Auszubildender nicht ausreichend rechnen kann, kann man sagen: Der junge Mann hätte in der Schule besser aufpassen sollen.

Das wird in manchen Fällen sogar stimmen.

Wenn aber Jahr für Jahr Zehntausende junge Menschen dieselben Schwierigkeiten haben und internationale Vergleichsstudien gleichzeitig einen langfristigen Abwärtstrend zeigen, reicht diese Erklärung irgendwann nicht mehr.

Dann müssen wir uns das System ansehen.

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks spricht inzwischen selbst von fehlenden Grundkompetenzen als einer wesentlichen Herausforderung für Ausbildung und Fachkräftesicherung. Gleichzeitig bleiben im langjährigen Durchschnitt etwa 20.000 angebotene Ausbildungsplätze im Handwerk unbesetzt.

Wir haben also eine etwas merkwürdige Situation.

Auf der einen Seite suchen Betriebe junge Menschen.

Auf der anderen Seite wollen wieder mehr junge Menschen ins Handwerk.

Und dazwischen steht ein Bildungssystem, das einen wachsenden Anteil seiner Schüler mit erheblichen Lücken bei den Grundlagen entlässt.

Das ist kein Problem der Jugend. Das ist ein Problem, das wir Erwachsenen lösen müssen.

Wir brauchen keinen neuen Bildungsfetisch

Nun könnte man natürlich das tun, was Deutschland bei Problemen besonders gut kann.

Eine Kommission einsetzen.

Ein neues Förderprogramm starten.

Einen Digitalpakt verlängern.

Ein neues Kompetenzmodell entwickeln.

Vielleicht lässt sich irgendwo auch noch ein achtseitiger Evaluationsbogen unterbringen.

Ich glaube, wir sollten etwas Grundsätzlicheres tun.

Wir sollten uns zunächst fragen, was Schule eigentlich leisten soll.

Für mich beginnt die Antwort ziemlich unspektakulär.

Ein Kind muss lesen können.

Es muss schreiben können.

Es muss rechnen können.

Es muss lernen, sich zu konzentrieren.

Es muss Informationen verstehen und beurteilen können.

Es sollte lernen, eine Aufgabe auch dann zu Ende zu bringen, wenn sie gerade keinen Spaß macht.

Und es sollte im Laufe seiner Schulzeit herausfinden können, worin seine Fähigkeiten liegen.

Das klingt nicht revolutionär.

Vielleicht ist gerade das das Problem.

Von den Besten lernen – aber bitte ohne den nächsten Mythos

Jahrelang wurde in deutschen Bildungsdebatten beinahe reflexartig auf Finnland gezeigt.

Finnland galt als das Land, das offenbar alles richtig macht.

Heute wissen wir: Auch dort ist die Welt nicht so einfach.

Finnland liegt bei PISA 2025 weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig haben die Leistungen dort über rund zwei Jahrzehnte deutlich nachgelassen. In Mathematik und Lesen sanken sie auch zwischen 2022 und 2025 erneut.

Wir sollten deshalb nicht das nächste ausländische Schulsystem kopieren.

Wir sollten uns ansehen, was verschiedene erfolgreiche Systeme gut machen.

Estland liegt beispielsweise auch 2025 in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften über dem OECD-Durchschnitt und gehört international weiterhin zur Spitzengruppe. Japan, Korea und Singapur schneiden ebenfalls sehr stark ab. Die OECD zählt außerdem Großbritannien 2025 zu den zehn leistungsstärkeren Bildungssystemen insgesamt.

Diese Länder sind kulturell, gesellschaftlich und organisatorisch völlig unterschiedlich.

Und genau das ist interessant.

Es gibt offenbar nicht den einen Zauberlehrplan.

Was man aber lernen kann, sind Prinzipien.

Und daraus könnten wir für Deutschland ein Bildungssystem bauen, das zu uns passt.

Am Anfang stehen die Grundlagen

Wir sollten uns wieder trauen, klare Erwartungen zu formulieren.

Am Ende der Grundschule sollte ein Kind altersgerecht und sicher lesen, schreiben und rechnen können.

Nicht ungefähr.

Nicht irgendwann.

Und auch nicht erst, wenn es Jahre später in einer Ausbildung auffällt.

Wer Schwierigkeiten entwickelt, braucht früh Unterstützung.

Intensiv und selbstverständlich.

Das ist für mich keine härtere Bildungspolitik.

Im Gegenteil.

Es ist wesentlich sozialer, einem Kind früh dabei zu helfen, die notwendigen Fähigkeiten zu erwerben, als jahrelang die Anforderungen so weit herunterzuschrauben, dass niemand mehr unangenehm auffällt.

Förderung und Leistung sind keine Gegensätze.

Wir dürfen etwas von Kindern erwarten, weil wir ihnen etwas zutrauen.

Dieser Satz sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Lehrer müssen wieder Lehrer sein dürfen

Dazu gehört auch, unseren Lehrkräften wieder mehr zuzutrauen.

Eine gute Lehrerin erkennt normalerweise ziemlich schnell, welches Kind lesen kann und welches nicht.

Ein guter Lehrer weiß, wer den Stoff verstanden hat und wer seit drei Wochen versucht, irgendwie mitzukommen.

Das Problem ist nicht, dass Lehrer keine Ahnung hätten, was in ihren Klassen passiert.

Das Problem ist häufig, wie viel Zeit inzwischen neben dem eigentlichen Unterricht verschwindet.

Dokumentation.

Verwaltung.

Abstimmung.

Programme.

Evaluation.

Wir sollten Schule nicht noch stärker verwalten.

Wir sollten Lehrer wieder stärker unterrichten lassen.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, auf Standards und Vergleichbarkeit zu verzichten.

Ein Bildungssystem muss wissen, ob es funktioniert.

Aber ein Messinstrument verbessert noch keinen Unterricht.

Ein Fieberthermometer heilt schließlich auch keine Erkältung.

Schule muss wieder etwas mit dem wirklichen Leben zu tun haben

Und dann kommen wir zurück zum Handwerk.

Ich halte es für einen Fehler, dass viele Jugendliche sehr lange beinahe ausschließlich eine akademisch geprägte Welt erleben.

Sie sitzen im Klassenraum.

Sie schreiben Arbeiten.

Sie erhalten Noten.

Und irgendwann sollen sie entscheiden, welchen Beruf sie für die nächsten Jahrzehnte wählen möchten.

Nur haben viele von ihnen kaum erlebt, wie diese Berufe tatsächlich aussehen.

Das müssen wir ändern.

Nicht mit einem einmaligen „Berufsorientierungstag“, bei dem drei Unternehmen einen Roll-up aufstellen und am Ende jeder Jugendliche mit fünf Kugelschreibern und zwölf Flyern nach Hause geht.

Sondern mit echter Praxis.

Werkstätten.

Betriebe.

Industrie.

IT.

Pflege.

Landwirtschaft.

Verwaltung.

Handwerk.

Unternehmertum.

Ab etwa Klasse sieben oder acht sollten praktische Phasen selbstverständlich zur Schule gehören.

Nicht für die „schlechteren Schüler“.

Für alle.

Auch ein späterer Ingenieur sollte einmal gesehen haben, wie Dinge tatsächlich gebaut werden.

Und vielleicht würde der eine oder andere Jugendliche dabei etwas entdecken, von dem er vorher überhaupt nicht wusste, dass er gut darin ist.

Ein Meister ist kein verhinderter Akademiker

Damit kommen wir zu einem Problem, das tiefer sitzt.

Wir behaupten seit Jahren, berufliche und akademische Bildung seien gleichwertig.

In unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung sind sie es häufig noch immer nicht.

Das merkt man schon an der Sprache.

Ein Kind „schafft“ das Gymnasium.

Ein anderes „geht eben“ in die Ausbildung.

Das eine klingt nach Erfolg.

Das andere gelegentlich nach Plan B.

Das ist Unsinn.

Deutschland braucht Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler und Juristen.

Natürlich.

Aber Deutschland braucht genauso Elektroniker, Anlagenmechaniker, Tischler, Maurer, Mechatroniker, Dachdecker und Meister.

Ein Land, das möglichst viele Jugendliche zum Abitur bewegen möchte und sich anschließend darüber wundert, dass ihm Handwerker fehlen, sollte vielleicht nicht nur über Fachkräftemangel reden.

Es sollte seine Prioritäten überprüfen.

Unsere duale Ausbildung ist dabei übrigens keine deutsche Schwäche, die wir durch ein skandinavisches Modell ersetzen müssten.

Sie ist eine unserer Stärken.

Wir sollten sie stärken.

Und gleichzeitig dafür sorgen, dass Bildungswege durchlässiger werden.

Eine Ausbildung darf keine Sackgasse sein.

Ausbildung, Meister, Fachwirt, Studium, Weiterbildung – diese Wege müssen miteinander verbunden sein.

Wer mit 16 eine Ausbildung beginnt, sollte mit 30 genauso selbstverständlich noch studieren können.

Und wer Abitur hat, sollte sich nicht rechtfertigen müssen, wenn er Tischler werden möchte.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck

PISA 2025 liefert noch einen Befund, über den wir dringend reden sollten.

Deutsche Schülerinnen und Schüler verbringen nach eigenen Angaben durchschnittlich 1,7 Stunden pro Schultag mit digitalen Geräten für Lernzwecke.

Gleichzeitig berichten 33 Prozent, dass Mitschüler während der meisten oder aller naturwissenschaftlichen Unterrichtsstunden häufig durch digitale Geräte abgelenkt werden.

An Schulen mit einem Handyverbot berichten Schüler in Deutschland deutlich seltener von dieser Ablenkung.

Und gleichzeitig nutzt bereits die Hälfte der deutschen 15-Jährigen mindestens einmal pro Woche KI-Chatbots zum Lernen.

Wir müssen deshalb aufhören, Digitalisierung und Bildungserfolg miteinander zu verwechseln.

Ein Tablet auf jedem Tisch ist noch keine moderne Schule.

Und ein Buch wird nicht rückständig, nur weil es keinen Akku besitzt.

Digitale Werkzeuge gehören selbstverständlich in die Schule.

Künstliche Intelligenz erst recht.

Unsere Kinder werden in einer Welt leben und arbeiten, in der KI vollkommen normal sein wird.

Ihnen die Technik vorzuenthalten wäre genauso falsch, wie sie einfach unkontrolliert darauf loszulassen.

Schule muss ihnen beibringen, diese Werkzeuge zu beherrschen.

Nicht von ihnen beherrscht zu werden.

Gerade Lesen wird dadurch wichtiger.

Wer eine KI fragt, braucht genügend Wissen und Urteilskraft, um zu erkennen, ob die Antwort überhaupt stimmt.

Wer Quellen nicht unterscheiden kann, wird mit mehr Informationen nicht automatisch klüger.

Die OECD weist bei PISA 2025 ausdrücklich darauf hin, dass gerade Fähigkeiten wie kritisches Lesen, das Verbinden verschiedener Quellen und die Bewertung von Informationen deutlich unter Druck stehen.

Das ist vielleicht eine der großen Bildungsaufgaben der nächsten Jahre.

Was hat das mit Freiheit zu tun?

Sehr viel.

Bildung ist eine Voraussetzung für Freiheit.

Wer nicht lesen kann, ist abhängig davon, dass andere ihm erklären, was irgendwo steht.

Wer Zahlen nicht versteht, kann viele wirtschaftliche Entscheidungen kaum beurteilen.

Wer Informationen nicht prüfen kann, ist leichter manipulierbar.

Und wer keinen Beruf findet, mit dem er sich selbst ernähren kann, wird zwangsläufig stärker von anderen abhängig.

Deshalb ist gute Bildung für uns als Allianz für Freiheit kein Nebenthema.

Sie gehört ins Zentrum einer freiheitlichen Gesellschaft.

Dabei bedeutet Freiheit in Bildung nicht, dass jeder einfach tun soll, was er möchte.

Ein Kind kann die Folgen seiner Bildungsentscheidungen noch nicht vollständig überblicken.

Deshalb darf eine Gesellschaft Erwartungen stellen.

Sie darf Leistung verlangen.

Sie muss aber gleichzeitig dafür sorgen, dass Kinder die Chance bekommen, diese Erwartungen auch zu erfüllen.

Das ist der entscheidende Punkt.

Leistung verlangen. Leistung ermöglichen.

Beides gehört zusammen.

Vielleicht sollten wir unsere Jugend etwas weniger beschimpfen

Damit sind wir wieder am Anfang.

Bei den jungen Menschen, die derzeit einen Ausbildungsvertrag unterschreiben.

Knapp 67.800 allein im Handwerk in der ersten Jahreshälfte.

4,9 Prozent mehr als im Vorjahr.

Möglicherweise das vierte Jahr in Folge mit steigenden Ausbildungszahlen.

Das löst unseren Fachkräftemangel noch lange nicht.

Noch immer bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt.

Noch immer verlieren Betriebe Bewerber, weil elementare Grundkenntnisse fehlen.

Und noch immer entscheiden sich wahrscheinlich zu wenige junge Menschen für berufliche Wege, die hervorragend zu ihren Fähigkeiten passen würden.

Aber die Entwicklung zeigt etwas.

Junge Menschen sind bereit, einen Beruf zu lernen.

Sie sind bereit, etwas zu können.

Sie sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.

Und PISA zeigt gleichzeitig, dass viele von ihnen neugierig sind und sich anstrengen wollen.

Vielleicht sollten wir diese Generation deshalb etwas weniger erklären und etwas mehr befähigen.

Unser Bildungssystem muss wieder Vertrauen haben

Vertrauen in Lehrer, dass sie ihren Beruf beherrschen.

Vertrauen in Eltern, Verantwortung zu übernehmen.

Und vor allem Vertrauen in Kinder und Jugendliche.

Nicht in dem Sinne, dass wir ihnen jede Anstrengung ersparen.

Sondern genau andersherum.

Wir trauen ihnen zu, etwas zu leisten.

Wir trauen ihnen zu, einen anspruchsvollen Beruf zu lernen.

Wir trauen ihnen zu, schwierige Texte zu verstehen.

Wir trauen ihnen zu, Mathematik zu lernen.

Wir trauen ihnen zu, mit moderner Technik verantwortlich umzugehen.

Wir trauen ihnen zu, Fehler zu machen und daraus zu lernen.

Ein freiheitliches Bildungssystem müsste genau das leisten.

Klare Grundlagen.

Hohe Erwartungen.

Frühe Hilfe.

Mehr Verantwortung für Lehrer.

Mehr Praxis.

Echte Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.

Und Technologie dort, wo sie Lernen verbessert – nicht dort, wo sie nur modern aussieht.

Wir müssen dafür weder Finnland kopieren noch Singapur spielen.

Wir können uns ansehen, was Estland, Finnland, Japan, Korea und andere erfolgreiche Systeme gut machen.

Und wir sollten gleichzeitig endlich wieder erkennen, was Deutschland selbst gut kann.

Die duale Ausbildung gehört dazu.

Das Handwerk gehört dazu.

Unsere Betriebe gehören dazu.

Und vor allem gehören die jungen Menschen dazu, die sich gerade wieder häufiger entscheiden, genau diesen Weg zu gehen.

Vielleicht ist nicht unsere Jugend das Problem

PISA 2025 ist ein Warnsignal.

Aber es ist kein Grund für Kulturpessimismus.

Im Gegenteil.

Die vielleicht interessanteste Botschaft dieser Studie steht nicht in irgendeiner Punktetabelle.

Sie steckt in einem Widerspruch.

Unsere Jugendlichen sind neugierig.

Viele sind bereit, sich anzustrengen.

Immer mehr beginnen eine Ausbildung im Handwerk.

Und trotzdem werden ihre schulischen Leistungen schlechter.

Das sollte unseren Blick verändern.

Wir haben nicht einfach eine Generation verloren.

Wir haben ein Bildungssystem, das einen Teil ihres Potenzials nicht ausreichend nutzt.

Das lässt sich ändern.

Und genau darin liegt die positive Nachricht.

Lehrpläne können wir verändern.

Prioritäten können wir verändern.

Bürokratie können wir reduzieren.

Berufsorientierung können wir verbessern.

Ausbildung können wir aufwerten.

Schulen können wir besser ausstatten.

Grundkompetenzen können wir wieder in den Mittelpunkt stellen.

Was wir nicht per Gesetz herstellen könnten, wäre eine Generation, die neugierig ist, lernen möchte und bereit ist, Verantwortung zu übernehmen.

Die gute Nachricht ist:

Die ist längst da.

Vielleicht sollten wir endlich anfangen, etwas daraus zu machen.

Quellen

  1. Zentralverband des Deutschen Handwerks – Ausbildungszahlen im Handwerk 2026: https://www.zdh.de/presse/veroeffentlichungen/interviews-und-statements/ausbildungszahlen-im-handwerk-viertes-jahr-mit-plus-in-sicht/
  2. OECD – PISA 2025 Ergebnisse, Deutschland: https://www.oecd.org/de/publications/pisa-2025-ergebnisse-band-i_eade94cd-de/deutschland_8a1ce578-de.html
  3. OECD – PISA 2025 Country Note, Germany: https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2025-results-volume-i-country-notes_2d4ff9ea-en/germany_44abd042-en.html
  4. OECD – PISA 2025 Country Note, Finland: https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2025-results-volume-i-country-notes_2d4ff9ea-en/finland_d436670f-en.html
  5. OECD – PISA 2025 Country Note, Estonia: https://www.oecd.org/en/publications/pisa-2025-results-volume-i-country-notes_2d4ff9ea-en/estonia_3b256c6a-en.html
  6. OECD – PISA 2025: Pressemitteilung zu Leistungsentwicklung und kritischem Lesen: https://www.oecd.org/de/about/news/press-releases/2026/09/pisa-2025-students-reading-and-mathematics-performance-declined-sharply-across-the-oecd.html

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