Antisemitismus in der Linken – zwischen Abgrenzung und blinden Flecken

Ist Die Linke antisemitisch? Nein – nicht als Partei.

Die Bundespartei hat sich 2026 gegen Antisemitismus positioniert. Ihr Parteitag verabschiedete den Beschluss „Gegen jeden Antisemitismus“. Darin verurteilt Die Linke Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen und stellt klar: Jüdinnen und Juden dürfen nicht kollektiv für die Politik Israels verantwortlich gemacht werden. Auch das Existenzrecht Israels wird von der Parteiführung nicht infrage gestellt. Die Linke – „Gegen jeden Antisemitismus“

Damit ist die offizielle Linie eindeutig. Doch damit ist die Geschichte nicht beendet.

Denn zwischen den Beschlüssen der Bundespartei und den Positionen einzelner Strömungen, Parteigliederungen und Aktivisten besteht teilweise eine erhebliche Distanz.

Antisemitismus ohne das Wort „Juden“

Antisemitismus muss heute nicht mehr als offener Judenhass auftreten. Gerade im linken Milieu kann er über das Feindbild Israel transportiert werden.

Der Verfassungsschutz stellt ausdrücklich fest, dass antiimperialistische Kritik an Israel nicht automatisch antisemitisch sei. Problematisch werde es dort, wo daraus eine grundsätzliche Israelfeindschaft entsteht, das Existenzrecht Israels negiert oder Terror gegen Israelis und Juden als „legitimer Widerstand“ umgedeutet wird. Bundesamt für Verfassungsschutz – Verfassungsschutzbericht 2024

Das ist eine entscheidende Unterscheidung.

„Ich kritisiere Israels Regierung“ ist etwas anderes als: „Israel darf als jüdischer Staat nicht existieren.“

Die erste Aussage ist demokratische Politik. Die zweite berührt unmittelbar die Frage der Delegitimierung jüdischer nationaler Selbstbestimmung.

„Nein zum Zionismus“ – eine umkämpfte Grenze

Wie schwierig diese Abgrenzung innerhalb der Linken geworden ist, zeigt die Debatte um die Parole „Nein zum Zionismus“.

Die Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken räumten 2026 ein, dass diese Parole von manchen lediglich als Kritik an der heutigen israelischen Politik verstanden werde, von anderen jedoch als Chiffre für ein „Nein zum Existenzrecht Israels“ benutzt werde.

Damit benennt die Parteiführung selbst das Problem: Antizionismus ist kein eindeutig definierter Begriff.

Entscheidend ist deshalb immer, was konkret gemeint ist. Über den Zionismus kann gestritten werden – das Existenzrecht Israels steht für die Parteiführung jedoch nicht zur Disposition. Die Linke – Debatte um Nahost verlangt besondere Verantwortung

Der 7. Oktober als Lackmustest

Besonders deutlich wird die Grenze bei der Bewertung des Hamas-Massakers vom 7. Oktober 2023.

Die israelische Regierung darf kritisiert werden. Die Besatzungspolitik darf kritisiert werden. Die Situation der Palästinenser darf kritisiert werden.

Aber daraus folgt keine Rechtfertigung für den Terror der Hamas.

Der Verfassungsschutz beobachtet bei Teilen des linksextremistischen Spektrums, dass Terror gegen Israel teilweise als „legitimer Widerstand“ gegen „Apartheid“, Besatzung oder Kolonialisierung dargestellt wird. Damit würden Narrative übernommen, wie sie auch von palästinensischen Extremisten vertreten werden. Bundesamt für Verfassungsschutz – Verfassungsschutzbericht 2024

Hier ist die Grenze eindeutig: Kritik an Israel erklärt den Terror der Hamas – sie rechtfertigt ihn nicht.

Neukölln: Wenn die rote Linie auf die Probe gestellt wird

Besonders interessant wird die Debatte durch aktuelle Vorgänge in Berlin-Neukölln. Auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken Neukölln Ende August 2026 trat der Rapper Dahabflex auf. Dabei fielen unter anderem die Parolen „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“.

Der Tagesspiegel berichtet, dass der Künstler von der Linken eingeladen worden war und ein Co-Vorsitzender des Neuköllner Bezirksverbandes während des Auftritts auf der Bühne stand. Eine unmittelbare Intervention erfolgte zunächst nicht. Tagesspiegel – „Yalla Yalla Intifada“ bei der Linken Neukölln

Die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp distanzierte sich anschließend deutlich. Sie bezeichnete den Auftritt als Grenzüberschreitung und erklärte, Aufrufe zu Gewalt und zur Tötung von Menschen seien „absolut inakzeptabel“. Zugleich bekannte sie sich zum Schutz jüdischen Lebens und gegen jede Form von Antisemitismus.

Das ist wichtig: Der Vorfall ist kein Beleg dafür, dass die gesamte Linke antisemitisch ist.

Er zeigt aber ein erhebliches Problem:

Wie konsequent setzt die Partei ihre eigenen roten Linien durch, wenn sie innerhalb ihrer eigenen Strukturen getestet werden?

Vanessa Emde und die Einstaatenlösung

Noch grundsätzlicher wird diese Frage bei Vanessa „Vedi“ Emde von der Linken Neukölln.

Auf einer Nakba-Demonstration im Mai 2026 erklärte sie sinngemäß, Staaten hätten kein Existenzrecht, sondern nur Menschen. Sie forderte eine demokratische Einstaatenlösung mit gleichen Rechten für alle und sprach sich dafür aus, den „palästinensischen Widerstand“ nicht zu kriminalisieren.

Eine Einstaatenlösung ist nicht automatisch antisemitisch. Ein demokratischer Staat mit gleichen Rechten für Juden und Palästinenser kann als politisches Modell diskutiert werden.

Aber entscheidende Fragen bleiben:

Soll Israel als jüdischer Staat verschwinden? Welche kollektiven Rechte besitzen jüdische Israelis in diesem Modell? Und was bedeutet „palästinensischer Widerstand“ – insbesondere im Verhältnis zu Hamas und dem 7. Oktober?

Die Antworten entscheiden darüber, ob es sich um eine politische Utopie, radikalen Antizionismus oder eine Delegitimierung jüdischer Selbstbestimmung handelt.

Neue Fälle kurz vor der Berlin-Wahl

Die Debatte erhält kurz vor der Wahl zusätzliche Brisanz. Zum einen wird ein Wahlkampfmotiv verbreitet, das mit der provokanten Aussage „Antisemitisch wählen“ zur Wahl der Linken aufruft; zum anderen berichtet WELT über einen Audiomitschnitt aus der Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität der Berliner Linken, in dem einzelne Mitglieder das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 als „Widerstand“ beziehungsweise „Selbstverteidigung“ dargestellt haben sollen. Sollte sich die Wiedergabe des Mitschnitts bestätigen, wäre dies deutlich mehr als eine kontroverse Bewertung israelischer Politik: Es würde die Frage aufwerfen, wie konsequent die Berliner Linke ihre eigene offizielle Abgrenzung von Hamas, Antisemitismus und der Rechtfertigung des 7. Oktober innerhalb ihrer eigenen Strukturen durchsetzt.

Das eigentliche Problem: die Grauzone

Damit wird der Widerspruch sichtbar.

Die offizielle Linke bekämpft Antisemitismus.

Sie lehnt Hamas ab, sie erkennt das Existenzrecht Israels an, sie will jüdisches Leben schützen.

Gleichzeitig gibt es innerhalb bestimmter linker Milieus Positionen, in denen Antiimperialismus, Antizionismus und Israelfeindschaft ineinander übergehen können. Der Verfassungsschutz beschreibt diese Entwicklung ausdrücklich. Bundesamt für Verfassungsschutz – Verfassungsschutzbericht 2024

Das bedeutet nicht: „Die Linke ist antisemitisch.“

Der belastbarere Befund lautet: Die Linke hat eine klare offizielle Anti-Antisemitismus-Linie – gleichzeitig existieren in Teilen ihres politischen Umfelds Positionen und Vorgänge, die genau diese Linie auf die Probe stellen.

Entscheidend ist nicht das Parteiprogramm, sondern die Konsequenz

Eine Partei kann auf dem Papier „Gegen jeden Antisemitismus“ sein.

Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt dort, wo diese Grenze praktisch angewendet werden muss.

Wenn auf einer eigenen Veranstaltung Gewaltparolen gegen Israel fallen, muss die Reaktion eindeutig sein.

Wenn das Existenzrecht Israels infrage gestellt wird, muss geklärt werden, was damit gemeint ist.

Wenn vom „palästinensischen Widerstand“ gesprochen wird, muss eindeutig sein, dass terroristische Gewalt gegen Zivilisten niemals darunterfällt.

Und wenn antisemitische oder israelfeindliche Positionen aus den eigenen Reihen kommen, darf ihre Bewertung nicht davon abhängen, wer sie äußert.

Denn genau hier entscheidet sich die Glaubwürdigkeit:

Gilt die rote Linie gegen Antisemitismus tatsächlich immer – auch dann, wenn der Antisemitismus nicht von rechts kommt, sondern sich als Antizionismus, Antiimperialismus oder Palästina-Solidarität präsentiert?

Das ist die eigentliche Frage. Und sie betrifft nicht nur Die Linke, sondern die demokratische Linke insgesamt.

Siehe auch unser Beitrag vom 05. September 2026: „Wie islamistisch ist Die Linke?“

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