Warum Batteriespeicher gerade boomen – und warum wir uns bei Mikroreaktoren dieselbe Offenheit leisten sollten
Manchmal schreibt die Wirklichkeit Bilder, die sich ein politischer Redenschreiber kaum besser ausdenken könnte.
Brunsbüttel
Auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks will Vattenfall einen der größten Batteriespeicher Deutschlands errichten. Am 10. September fiel die endgültige Investitionsentscheidung.
254 Megawatt Leistung.
Rund 1.000 Megawattstunden Speicherkapazität.
Bis Ende 2028 soll die Anlage stehen.
Das ist zunächst einmal eine ziemlich große Batterie.
Aber bevor jetzt die eine Seite triumphiert und die andere Schnappatmung bekommt: Nein, dieser Speicher ersetzt kein Kernkraftwerk.
Er produziert überhaupt keinen Strom.
Bei voller Leistung könnte er seine gespeicherte Energie rechnerisch knapp vier Stunden lang abgeben. Danach muss er wieder geladen werden.
Ein Kraftwerk und ein Speicher erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
Das ist wichtig.
Und genau deshalb ist Brunsbüttel eigentlich ein wunderbares Beispiel dafür, was in unserer energiepolitischen Debatte seit Jahren schiefläuft.
Wir diskutieren viel zu häufig darüber, welche Technologie politisch recht haben darf.
Die bessere Frage wäre:
Welche Technologie löst welches Problem?
Denn der Physik ist es ziemlich egal, welches Parteibuch wir haben.
Plötzlich werden überall Batterien gebaut
Brunsbüttel ist kein Einzelfall.
Fast zeitgleich hat in Hamburg der Bau eines Batteriespeichers mit 100 Megawatt Leistung und 400 Megawattstunden Kapazität begonnen. Auch dort ist die Inbetriebnahme für Ende 2028 vorgesehen.
In Aachen wiederum entsteht auf dem Gelände einer ehemaligen Philips-Fabrik ein Speicher mit 10 Megawatt Leistung und rund 21 Megawattstunden Kapazität.
Besonders interessant daran: Dort kann vorhandene Netzinfrastruktur genutzt werden, weil durch den Rückgang früherer energieintensiver Produktion Anschlussleistung frei geworden ist.
Drei Projekte.
Drei Standorte.
Drei unterschiedliche Größenordnungen.
Und alle innerhalb weniger Tage in den Nachrichten.
Dahinter steckt inzwischen eine Entwicklung, die deutlich größer ist.
Die Bundesnetzagentur hat im August aktuelle Zahlen veröffentlicht.
Danach gingen allein im Jahr 2025 bei deutschen Netzbetreibern 18.158 Netzanschlussbegehren für Batteriespeicher ab der Mittelspannungsebene ein.
Die beantragte Leistung summierte sich auf rund 573,5 Gigawatt.
Die beantragte Speicherkapazität auf rund 1.583 Gigawattstunden.
573 Gigawatt.
Das ist eine so gewaltige Zahl, dass man an dieser Stelle misstrauisch werden sollte.
Und genau das sollten wir auch.
Nicht jede Anfrage wird ein Speicher
Die Bundesnetzagentur warnt selbst davor, aus diesen Zahlen einfach den künftigen Ausbau hochzurechnen.
Projektentwickler stellen für dasselbe Vorhaben teilweise mehrere Anschlussanfragen an unterschiedlichen Standorten. Andere Projekte werden niemals gebaut. Manche werden geändert oder aufgegeben.
Die 573,5 Gigawatt sind also keine Prognose für tatsächlich kommende Speicherleistung.
Ein deutlich belastbareres Bild liefern die Netzanschlusszusagen.
2025 wurden – einschließlich noch bearbeiteter älterer Anträge – insgesamt 1.937 Anschlusszusagen erteilt.
Dahinter stehen rund 54,2 Gigawatt Leistung und 142,4 Gigawattstunden Speicherkapazität.
Auch eine Netzanschlusszusage garantiert natürlich noch keinen fertigen Speicher.
Aber die Größenordnung ist trotzdem bemerkenswert.
Zum Vergleich:
Derzeit sind laut Marktstammdatenregister 1.292 Batteriespeicher ab Mittelspannungsebene in Betrieb. Zusammen verfügen sie über etwa 3,6 Gigawatt Leistung und rund 6 Gigawattstunden Speicherkapazität.
Wir sprechen also über Projekte und Anschlusszusagen, die ein Vielfaches des heutigen Bestands ausmachen.
Man kann deshalb ohne große Übertreibung sagen:
Hier entsteht gerade ein neuer Markt.
Warum ausgerechnet jetzt?
Der Grund dafür ist eigentlich ziemlich einfach.
Wir haben unser Stromsystem massiv verändert.
Im ersten Halbjahr 2026 stammten 61,8 Prozent der öffentlichen Nettostromerzeugung in Deutschland aus erneuerbaren Energien.
Photovoltaik erreichte mit 43,2 Terawattstunden einen neuen Rekord. Auch die Windstromproduktion legte gegenüber dem Vorjahr wieder zu.
Das ist zunächst einmal beeindruckend.
Es schafft aber gleichzeitig ein Problem, das sich auch mit noch so viel politischem Willen nicht wegdiskutieren lässt.
Die Sonne liest keinen Fahrplan.
Der Wind kennt unseren Stromverbrauch nicht.
Mittags kann sehr viel Strom vorhanden sein.
Am Abend verschwindet die Sonne, während Millionen Haushalte kochen, Licht einschalten, Wärmepumpen laufen und Autos geladen werden.
An anderen Tagen weht kaum Wind.
Das ist keine politische Kritik an erneuerbaren Energien.
Das ist schlicht ihre technische Eigenschaft.
Und je größer ihr Anteil im Stromsystem wird, desto wertvoller wird Flexibilität.
Wenn Strom plötzlich weniger als nichts kostet
Was das praktisch bedeutet, konnte man 2025 hervorragend beobachten.
In 573 Stunden lag der Day-Ahead-Großhandelspreis in Deutschland im negativen Bereich.
Das waren 6,5 Prozent aller Stunden des Jahres.
Gleichzeitig lag der durchschnittliche Großhandelspreis 2025 mit 89,32 Euro je Megawattstunde sogar höher als im Vorjahr.
Wir haben also ein Stromsystem, in dem Energie zeitweise so reichlich vorhanden ist, dass sie am Großhandelsmarkt einen negativen Preis bekommt – und wenige Stunden später kann Strom wieder sehr viel wert sein.
Genau zwischen diesen Zuständen entsteht ein Geschäftsmodell.
Eine Batterie lädt, wenn Strom günstig ist.
Sie gibt ihn wieder ab, wenn Strom knapp und teuer ist.
Natürlich ist die Realität komplizierter.
Großspeicher verdienen Geld nicht nur mit dem Unterschied zwischen billigen und teuren Stunden. Sie können Regelenergie bereitstellen und weitere Dienstleistungen für das Stromsystem anbieten.
Das Prinzip dahinter bleibt trotzdem erstaunlich simpel:
Preisschwankungen erzeugen einen wirtschaftlichen Wert für Flexibilität.
Und plötzlich lohnt es sich, Flexibilität zu bauen.
Ein Problem bekommt einen Preis – und plötzlich entsteht eine Lösung
Das finde ich an dieser Entwicklung eigentlich am spannendsten.
In politischen Debatten entsteht manchmal der Eindruck, Innovation müsse zuerst vom Staat bestellt werden.
Ein Ministerium entdeckt ein Problem.
Dann kommt ein Programm.
Danach eine Förderrichtlinie.
Dann ein Förderantrag.
Dann jemand, der den Förderantrag prüft.
Und irgendwann vielleicht die Lösung.
Bei den Batteriespeichern sehen wir gerade zumindest teilweise etwas anderes.
Strom ist zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich viel wert.
Wer es schafft, Strom zeitlich zu verschieben, kann damit Geld verdienen.
Damit bekommt ein technisches Problem einen wirtschaftlichen Wert.
Unternehmen investieren.
Kapital fließt.
Technik wird weiterentwickelt.
Projekte entstehen.
Fraunhofer ISE weist ebenfalls darauf hin, dass untertägige Strompreisschwankungen und der Bedarf an Flexibilität den Speicherausbau treiben. Allein im ersten Halbjahr 2026 stieg die gesamte Stromspeicherkapazität nach Fraunhofer-Angaben von 25,4 auf 29,6 Gigawattstunden. In diesen sechs Monaten wurden bereits mehr große Batteriespeicher in Betrieb genommen als im gesamten Vorjahr.
Hier passiert etwas, das wir als Allianz für Freiheit ausdrücklich begrüßen sollten.
Markt und Technik reagieren auf ein reales Problem.
Aber Batterien machen aus Sonnenstrom keinen Windstrom
Bei aller Begeisterung sollten wir trotzdem einen Fehler vermeiden.
Batteriespeicher lösen nicht sämtliche Probleme unseres Stromsystems.
Nehmen wir wieder Brunsbüttel.
1.000 Megawattstunden Kapazität bei 254 Megawatt Leistung bedeuten rechnerisch knapp vier Stunden Entladung bei voller Leistung.
Der neue Hamburger Speicher kommt mit 400 Megawattstunden bei 100 Megawatt ebenfalls auf vier Stunden.
Das ist hervorragend geeignet, um Energie innerhalb eines Tages zu verschieben.
Mittagsspitze rein.
Abendspitze raus.
Es hilft bei kurzfristigen Schwankungen.
Es kann Preisextreme abmildern.
Es kann das Stromsystem flexibler machen.
Aber aus vier Stunden werden keine vier Wintertage.
Eine längere Phase mit wenig Wind und wenig Sonne ist ein anderes Problem.
Dafür brauchen wir weitere Antworten.
Netze.
Europäischen Stromaustausch.
Flexible Verbraucher.
Gesicherte Erzeugung.
Andere Speicherformen.
Und genau an diesem Punkt sollten wir über etwas sprechen, das in Deutschland immer noch erstaunlich schnell politischen Puls erzeugt.
Kernenergie.
Und was ist eigentlich mit „Nano-Kernkraftwerken“?
Der Begriff klingt ein bisschen wie etwas aus einem Science-Fiction-Film.
Fachlich spricht man eher von Mikroreaktoren.
Sie gehören zur Familie der sehr kleinen modularen beziehungsweise fortgeschrittenen Reaktorkonzepte und liegen noch einmal deutlich unter klassischen Kernkraftwerken.
Das US-Energieministerium beschreibt Mikroreaktoren als kompakte, weitgehend fabrikgefertigte Reaktoren. Viele der derzeit entwickelten Konzepte liegen ungefähr im Bereich von 1 bis 20 Megawatt thermischer Leistung. Sie sollen transportierbar sein und teilweise über lange Zeiträume ohne Brennstoffwechsel betrieben werden können. Denkbare Anwendungen sind beispielsweise abgelegene Standorte, industrielle Prozesse, Wärmeerzeugung oder kleine unabhängige Stromnetze.
Das ist keine PowerPoint-Idee mehr.
Im April 2026 wurde am Idaho National Laboratory in den USA mit DOME das weltweit erste speziell für Mikroreaktor-Experimente gebaute Testzentrum fertiggestellt. Dort sollen erstmals verschiedene private Reaktorkonzepte unter realen Bedingungen mit Kernbrennstoff getestet werden.
Jetzt kommt aber der wichtige Teil:
Das bedeutet nicht, dass wir morgen tausend Nano-Kernkraftwerke bestellen können.
Wer das behauptet, verspricht zu viel.
Mikroreaktoren befinden sich überwiegend noch in Entwicklung, Demonstration und Zulassung.
Wir kennen ihre endgültigen Kosten im kommerziellen Serienbetrieb noch nicht.
Die Brennstoffversorgung ist bei manchen Konzepten eine Herausforderung.
Genehmigung, Entsorgung und Sicherheitsanforderungen verschwinden selbstverständlich nicht, nur weil ein Reaktor kleiner wird.
Aber daraus folgt doch nicht, dass Deutschland die Idee schon heute abheften sollte.
Ganz im Gegenteil.
Europa beschäftigt sich längst damit
Auch in Europa passiert inzwischen einiges.
Die Europäische Kommission hat im März 2026 eine eigene Strategie für Small Modular Reactors – SMRs – und Advanced Modular Reactors vorgelegt.
Ziel ist ausdrücklich, erste europäische Projekte bereits Anfang der 2030er-Jahre in Betrieb zu bringen. Die EU sieht darin mögliche Beiträge zu Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und industrieller Dekarbonisierung.
Vorläufige europäische Abschätzungen gehen davon aus, dass SMRs bis 2050 insgesamt zwischen 17 und 53 Gigawatt Leistung in der EU erreichen könnten.
Das ist selbstverständlich keine Garantie.
Es ist eine Projektion.
Aber es zeigt, wie ernst Europa diese Technologie mittlerweile nimmt.
Wichtig ist außerdem:
SMRs und Mikroreaktoren sind nicht dasselbe.
SMR ist der breitere Begriff für kleinere modulare Kernreaktoren. Mikroreaktoren sind noch einmal deutlich kleiner und zielen teilweise auf andere Anwendungen.
Aber beide Konzepte verfolgen einen ähnlichen industriellen Gedanken:
Weniger gigantische Einzelprojekte.
Mehr Standardisierung.
Mehr Fertigung von Komponenten in Fabriken.
Modularere Errichtung.
Und damit hoffentlich irgendwann geringere Projekt- und Kostenrisiken.
Ob dieser Ansatz wirklich funktioniert, muss die Praxis zeigen.
Aber allein deshalb sollten wir hinschauen.
Deutschland schaut bislang vor allem von draußen zu
Und hier wird es politisch.
Nach geltendem deutschen Atomgesetz dürfen für neue Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Erzeugung von Elektrizität keine Genehmigungen erteilt werden.
Das steht ziemlich unmissverständlich in § 7 des Atomgesetzes.
Ein neues kommerzielles Mikro-Kernkraftwerk könnte also derzeit in Deutschland nicht einfach genehmigt werden.
Man kann diese politische Entscheidung richtig finden.
Man kann sie falsch finden.
Aber man sollte wenigstens anerkennen, was sie bedeutet:
Deutschland hat bei einer Technologie, die andere Industriestaaten gerade entwickeln, die Tür rechtlich bereits geschlossen.
Das halte ich aus Sicht einer technologieoffenen Politik für einen Fehler.
Nicht weil ich heute behaupten könnte, Mikroreaktoren seien sicher die wirtschaftlichste Lösung.
Das weiß heute niemand.
Genau darum geht es.
Wir sollten es herausfinden dürfen.
Technologieoffenheit heißt nicht Kernkraftbegeisterung
Hier wird häufig etwas verwechselt.
Wer fordert, neue Reaktorkonzepte nicht politisch auszuschließen, fordert damit nicht automatisch den Bau von hundert Kernkraftwerken.
Technologieoffenheit bedeutet nicht:
„Kernenergie ist immer gut.“
Sie bedeutet:
„Wenn eine Technologie definierte Anforderungen an Sicherheit, Kosten und Umweltverträglichkeit erfüllt, sollte sie eine Chance bekommen.“
Das gilt für Batterien.
Das gilt für Wasserstoff.
Das gilt für Geothermie.
Das gilt für Windkraft.
Das gilt für Solarenergie.
Und dann muss es eben auch für moderne Kerntechnik gelten.
Sonst ist Technologieoffenheit nur ein Wort, das wir benutzen, solange das Ergebnis vorher feststeht.
Mikroreaktoren könnten eine interessante Lücke schließen
Gerade im Zusammenhang mit Batterien wird der Unterschied interessant.
Ein Batteriespeicher liefert kurzfristig Flexibilität.
Ein Mikroreaktor wäre dagegen – sofern die Konzepte technisch und wirtschaftlich erfolgreich werden – eine Erzeugungsanlage.
Er könnte über längere Zeit kontinuierlich Strom oder Prozesswärme liefern.
Das sind unterschiedliche Aufgaben.
Und genau deshalb könnten sich solche Technologien irgendwann ergänzen.
Stellen wir uns einmal einen großen Industriestandort vor.
Photovoltaik liefert tagsüber günstigen Strom.
Wind liefert abhängig vom Wetter.
Batterien glätten kurzfristige Schwankungen.
Ein Netzanschluss verbindet den Standort mit dem Strommarkt.
Und eine kleine gesicherte Erzeugung liefert bei Bedarf kontinuierlich Strom und möglicherweise gleichzeitig Prozesswärme.
Ob diese gesicherte Erzeugung irgendwann ein Mikroreaktor, ein anderes Kernenergiekonzept, Gas mit CO₂-Abscheidung, Geothermie oder etwas völlig anderes ist, sollte nicht der politische Geschmack entscheiden.
Es sollte die bessere technische und wirtschaftliche Lösung gewinnen.
Genau das wäre Technologieoffenheit.
Wir dürfen denselben Fehler nicht zweimal machen
Deutschland neigt dazu, energiepolitische Entscheidungen sehr endgültig zu treffen.
Eine Technologie wird politisch favorisiert.
Eine andere ausgeschlossen.
Dann investieren Unternehmen entsprechend.
Zehn Jahre später ändern sich Rahmenbedingungen, Technik oder geopolitische Lage.
Und plötzlich stellen wir fest, dass die Realität sich nicht an unseren ursprünglichen Plan gehalten hat.
Vielleicht sollten wir daraus etwas lernen.
Wir müssen Mikroreaktoren heute nicht bauen.
Aber wir sollten Kompetenzen behalten.
Wir sollten Forschung ermöglichen.
Wir sollten europäischen Entwicklungen folgen und uns beteiligen.
Wir sollten regulatorische Fragen prüfen.
Und wenn die Technologie irgendwann nachweislich sicher, wirtschaftlich und sinnvoll ist, sollten wir in der Lage sein, neu zu entscheiden.
Das wäre ein erwachsener Umgang mit Technologie.
Nicht Begeisterung.
Nicht Angst.
Prüfen.
Rechnen.
Entscheiden.
Kernkraft gegen Solar? Die Debatte ist ohnehin zu klein
Genau deshalb nervt mich ein Teil unserer deutschen Energiedebatte inzwischen.
Kernkraft oder erneuerbare Energien.
Windkraft oder Gas.
Solar oder Kernenergie.
Als wäre ein Stromsystem ein Fußballspiel und man müsse sich für eine Mannschaft entscheiden.
Das ist Unsinn.
Wer Kernenergie für sinnvoll hält, muss keinen Batteriespeicher schlechtreden.
Wer Wind- und Solarenergie ausbauen möchte, muss deswegen nicht behaupten, gesicherte Leistung sei überflüssig.
Wer Batteriespeicher gut findet, muss nicht glauben, eine Dunkelflaute lasse sich mit ein paar Containern am Umspannwerk erledigen.
Und wer sich mit Mikroreaktoren beschäftigt, muss nicht so tun, als seien deren Wirtschaftlichkeit und Zulassung bereits gelöst.
Wir brauchen keine Energiereligion.
Wir brauchen ein funktionierendes Stromsystem.
Bezahlbar.
Sicher.
Planbar.
Und möglichst robust.
Welche Technologie dazu welchen Beitrag leistet, sollte zunächst eine Frage von Physik, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit sein.
Erst danach sollte Politik anfangen.
Nicht vorher.
Der Speicherboom bekommt inzwischen sein eigenes Problem
Zurück zu den Batterien.
Denn deren Erfolg zeigt inzwischen bereits die nächste Baustelle.
Netzanschlüsse.
18.158 Anschlussanfragen in nur einem Jahr kann niemand einfach der Reihe nach abarbeiten.
Zumal viele Projekte mehrfach beantragt werden.
Bei den Verteilernetzbetreibern konnten 2025 nur rund acht Prozent der eingegangenen Anfragen eine Zusage erhalten. Bezogen auf die angefragte Leistung waren es sogar nur rund vier Prozent.
Im Übertragungsnetz lag der Anteil erteilter Zusagen bei etwa zehn Prozent der Anfragen.
Wir haben also Investoren.
Wir haben Projekte.
Wir haben Geschäftsmodelle.
Wir haben Technologie.
Und dann wird der Netzanschluss zum Flaschenhals.
Das ist genau der Punkt, an dem Politik gebraucht wird.
Aber eben nicht dafür, den Ingenieur zu ersetzen.
Sondern dafür, vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen.
Wer wirklich bauen will, sollte nicht hinter einem Phantomprojekt warten
Die Lösung kann nicht sein, dass ein Projektentwickler fünf mögliche Netzanschlüsse beantragt, um seine Chancen zu erhöhen, während andere Projekte dadurch jahrelang warten.
Knappe Netzkapazität muss vernünftig vergeben werden.
Projektfortschritt muss zählen.
Genehmigungsreife muss zählen.
Finanzierung muss zählen.
Realisierungswahrscheinlichkeit muss zählen.
Wer ernsthaft bauen kann, sollte nicht hinter einem Phantomprojekt stehen.
Die Bundesnetzagentur beschäftigt sich deshalb bereits mit neuen Verfahren und Möglichkeiten, Netzanschlüsse effizienter zu vergeben.
Genau da gehört Regulierung hin.
Nicht mehr Regeln.
Bessere Regeln.
Eine Batterie braucht keine politische Gesinnung
Damit kommen wir zum Kern.
Wir als Allianz für Freiheit sprechen von Technologieoffenheit.
Dann müssen wir sie auch ernst meinen.
Eine Batterie ist keine linke Technologie.
Ein Mikroreaktor ist keine rechte Technologie.
Ein Windrad wählt nicht.
Eine Gasturbine auch nicht.
Und einem Transformator ist die politische Debatte ziemlich sicher vollkommen egal.
Technik erfüllt eine Funktion.
Unsere Aufgabe sollte darin bestehen, diese Funktion zu bewerten.
Wie zuverlässig ist die Technik?
Wie sicher?
Was kostet sie?
Welches Problem löst sie?
Welche neuen Probleme erzeugt sie?
Das sind die Fragen.
Bei Batteriespeichern lautet die Antwort inzwischen:
Für kurzfristige Flexibilität können sie sehr viel.
Bei Mikroreaktoren lautet die Antwort heute:
Das Potenzial ist interessant, aber vieles muss noch bewiesen werden.
Beides gleichzeitig sagen zu können, sollte selbstverständlich sein.
In der deutschen Energiepolitik ist es fast schon ungewöhnlich.
Das eigentlich Positive ist nicht die Batterie
Das Spannendste an dieser Entwicklung ist deshalb gar nicht die Batterietechnik selbst.
Es ist der Mechanismus dahinter.
Wir haben ein Problem.
Ein Stromsystem mit viel Wind und Solar benötigt Flexibilität.
Diese Flexibilität bekommt einen wirtschaftlichen Wert.
Unternehmen erkennen diesen Wert.
Investoren stellen Kapital bereit.
Technologie wird günstiger.
Projekte entstehen.
Und plötzlich entwickeln sich Lösungen schneller, als die Verwaltung mit den Anschlussanträgen hinterherkommt.
Parallel dazu arbeiten andere Länder an völlig anderen Technologien, die vielleicht eines Tages andere Teile desselben Problems lösen können.
Mikroreaktoren.
SMRs.
Neue Speichertechnologien.
Geothermie.
Wasserstoff.
Vielleicht Technologien, deren Namen wir heute noch gar nicht kennen.
Das ist doch eigentlich die gute Nachricht.
Wir müssen nicht heute wissen, welche Technologie im Jahr 2040 gewinnt.
Wir müssen dafür sorgen, dass gute Technologien überhaupt antreten dürfen.
Energiepolitik sollte Ziele setzen – nicht Maschinen auswählen
Daraus ergibt sich für uns als Allianz für Freiheit eine klare Linie.
Politik sollte definieren, was das Energiesystem leisten muss.
Versorgungssicherheit.
Bezahlbarkeit.
Netzstabilität.
Wettbewerbsfähigkeit.
Planbare Regeln.
Und die politisch beschlossenen Klima- und Emissionsziele.
Aber danach sollte Politik vorsichtiger werden.
Wenn Batteriespeicher Flexibilität wirtschaftlich bereitstellen können – hervorragend.
Wenn eine andere Speichertechnologie irgendwann günstiger ist – ebenfalls hervorragend.
Wenn ein Mikroreaktor irgendwann nachweislich sichere und günstige Energie liefert – dann sollten wir zumindest in der Lage sein, darüber zu reden.
Wenn Solarstrom günstig ist, sollte niemand ihn aus ideologischen Gründen verhindern.
Und wenn für gesicherte Leistung eine Technologie benötigt wird, muss auch sie am Wettbewerb teilnehmen können.
Technologieoffenheit bedeutet nicht, jede Technik gleich gut zu finden.
Sie bedeutet:
Das Ergebnis entscheidet. Nicht das politische Etikett.
Vielleicht wird unsere Energiepolitik gerade erwachsen
Die ersten Jahre der Energiewende waren stark davon geprägt, immer mehr Erzeugungskapazität aufzubauen.
Mehr Wind.
Mehr Solar.
Mehr installierte Leistung.
Jetzt kommt der schwierigere Teil.
Ein Stromsystem muss nicht nur viel Energie erzeugen.
Es muss sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereitstellen.
Fraunhofer ISE sieht im ersten Halbjahr 2026 weiterhin eine deutliche Speicherlücke für die Verschiebung von Überschussstrom in Stunden schwächerer Erzeugung.
Also brauchen wir Speicher.
Aber Speicher allein reichen nicht.
Wir brauchen Netze.
Gesicherte Leistung.
Flexiblen Verbrauch.
Und möglicherweise Technologien, die wir heute noch nicht großflächig einsetzen.
Deshalb wäre jetzt der schlechteste Zeitpunkt, Technologieoptionen aus politischen Gründen abzuschneiden.
Lassen wir die Ingenieure mehr arbeiten als die Ideologen
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre.
Deutschland hat in der Energiepolitik viele Jahre darüber gestritten, welche Technologie moralisch richtig ist.
Eine nüchternere Haltung wäre hilfreicher.
Was funktioniert?
Was kostet es?
Wie sicher ist es?
Welches Problem löst es?
Und welche Nebenwirkungen entstehen?
Fünf einfache Fragen.
Brunsbüttel liefert dafür gerade ein wunderbares Bild.
Auf dem Gelände eines ehemaligen Kernkraftwerks entsteht ein riesiger Batteriespeicher.
Man kann darin einen Sieg der einen Technologie über die andere sehen.
Ich sehe darin etwas ganz anderes.
Energieinfrastruktur verändert sich.
Technologien haben unterschiedliche Aufgaben.
Und ein modernes Stromsystem wird vermutlich mehrere Lösungen gleichzeitig benötigen.
Vielleicht irgendwann auch wieder eine Form der Kernenergie, die mit den großen Reaktoren vergangener Jahrzehnte nur noch begrenzt vergleichbar ist.
Wir wissen es heute nicht.
Und genau deshalb sollten wir uns die Möglichkeit offenhalten, es herauszufinden.
Als Allianz für Freiheit müssen wir nicht entscheiden, welche Maschine Deutschland retten soll.
Wir sollten dafür sorgen, dass gute Ideen eine Chance bekommen.
Dass Investitionen nicht in endlosen Verfahren hängenbleiben.
Dass Preise vernünftige Signale setzen.
Dass Versorgungssicherheit nicht verhandelbar ist.
Und dass eine Technologie danach beurteilt wird, was sie kann.
Nicht danach, welches politische Lager sie gerade beklatscht.
Vielleicht brauchen wir in der Energiepolitik weniger Glaubenskrieg.
Und wieder etwas mehr Vertrauen in Ingenieure, Unternehmer, Wissenschaftler und Wettbewerb.
Lassen wir sie machen.
Quellen
- Bundesnetzagentur / SMARD – Stand der Batteriespeicheranfragen 2025/2026, 20. August 2026. Grundlage für Netzanschlussanfragen, Anschlusszusagen, installierten Bestand und Einordnung der Mehrfachanfragen. Quelle öffnen
- Bundesnetzagentur / SMARD – Der Strommarkt im Jahr 2025. Stromerzeugung, Strommix und Großhandelspreise. Quelle öffnen
- Fraunhofer ISE – Solarstrom europaweit auf dem Vormarsch, 1. Juli 2026. Daten zur öffentlichen Nettostromerzeugung, zu Wind und Photovoltaik sowie zur Entwicklung der Stromspeicher im ersten Halbjahr 2026. Quelle öffnen
- Vattenfall – Finale Investitionsentscheidung Batteriespeicher Brunsbüttel, 10. September 2026. 254 MW Leistung, rund 1.000 MWh Speicherkapazität, geplante Inbetriebnahme Ende 2028. Quelle öffnen
- Flower – Batteriespeicher Hamburg, Baustart September 2026. 100 MW Leistung und 400 MWh Kapazität. Quelle öffnen
- Voltfang – Großspeicher auf dem ehemaligen Philips-Gelände Aachen, 8. September 2026. 10 MW Leistung, rund 21 MWh Speicherkapazität und Nutzung bestehender Netzinfrastruktur. Quelle öffnen
- U.S. Department of Energy – Nuclear Microreactors. Technische Einordnung von Mikroreaktoren als kompakte, fabrikgefertigte und teils transportable Reaktorkonzepte; typische Leistungsbereiche der derzeit entwickelten Systeme. Quelle öffnen
- U.S. Department of Energy – DOME Microreactor Test Bed, April 2026. Eröffnung des weltweit ersten speziell für Brennstofftests von Mikroreaktoren eingerichteten Testzentrums am Idaho National Laboratory. Quelle öffnen
- Europäische Kommission – Strategie für Small Modular Reactors, 10. März 2026. Ziel erster europäischer SMR-Projekte Anfang der 2030er-Jahre sowie europäische Strategie zu SMR und Advanced Modular Reactors. Quelle öffnen
- Europäische Kommission – Small Modular Reactors. Vorläufige Bandbreite von 17 bis 53 GW möglicher SMR-Kapazität in der EU bis 2050. Quelle öffnen
- Atomgesetz § 7. Nach geltendem deutschen Recht werden keine Genehmigungen für die Errichtung und den Betrieb neuer Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Stromerzeugung erteilt. Quelle öffnen
